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Oliver Zöllner:

Die "letzten Belgier" spre­chen Deutsch
Manifesta­tionen kollek­tiver Iden­ti­tät in den bel­gischen Ost­kan­to­nen – ein For­schungs­tage­buch


» Sie sind einer klischee­haften Rede­wendung zufolge die "letzten Belgier" (Wense­laers 2008; van Isten­dael 2011, S. 177ff.; Dams 2011), weil sie erst nach dem Ersten Welt­krieg ins König­reich Belgien ein­geglie­dert wurden. Und sie be­zeich­nen sich gerne selbst so, weil sie im Sprachen- und Kul­tur­streit zwi­schen Flamen und Wallonen der "lachende Dritte" sind und – dank groß­zügiger Auto­nomie – zu den loyal­sten Bel­giern über­haupt zäh­len: die deutsch­sprachi­gen Bel­gier, rund 70.000 an der Zahl. Sie sie­deln im Raum Eupen und Sankt Vith, gleich an der deut­schen Grenze, unweit von Lüttich, Aachen, Maas­tricht und Luxem­burg, mitten in Europa – und doch an der Peri­pherie.

Marktplatz Eupen Belgien Eupen, Haupt­stadt der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens: Markt­platz mit St.-Niko­laus-Kirche
Foto: Oliver Zöllner




Wie manifes­tiert sich die spezielle "eth­nische" oder natio­nale Identi­tät der deutsch­sprachigen Bel­gier im Alltag? Welche Spuren, welche "Arte­fakte" der kulturellen Selbst­definition sind mit ethno­graphischen Methoden im Sied­lungs­gebiet der deutsch­sprachigen Belgier zu finden? Wie kann man diese "Eigen­produk­tion" kollektiver Identi­tät analy­sieren und inter­pretie­ren?

Mit diesen und weiteren Fragen als Leit­faden begibt sich HdM-Professor Oliver Zöllner während seines For­schungs­semes­ters ins "Feld". Im Sommer­semester 2012 hält er sich mehrfach in Ost­belgien auf und erprobt auch seltener an­gewen­dete Metho­den der quali­tativen For­schung wie z.B. die Arte­fakt­analyse. Ziel ist, eine "Grounded Theory" der Identität der deutsch­sprachigen Bel­gier zu ent­wickeln (vgl. Strauss/Cor­bin 1998). In diesem Online-For­schungs­tage­buch (vgl. Bernard 1995, S. 180ff.) erstattet er ab sofort regelmäßig Bericht: über seine Erkennt­nisse, seine Fort­schritte und vielleicht auch die Limita­tionen der erprob­ten Metho­den. For­schung an der Grenze sozu­sagen – Heuris­tik ist nie ohne Risiko.

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Einige Begriffsklärungen

• "Ostbelgien", "belgische Ostk­antone", "Deutsch­sprachi­ge Gemeinschaft": Das For­schungs­projekt bezieht sich auf die deutsch­sprachi­ge Bevölke­rungs­gruppe Bel­giens. Die­se sie­delt in zwei schma­len Gebiets­strei­fen von zusam­men ca. 850 Quadrat­kilo­metern, die sich ent­lang der deut­schen Grenze zwischen Aachen und in der West­eifel erstrecken. Die beiden Teil­gebiete mit den Gemein­den Eupen, Kel­mis, Lontzen und Raeren im Norden und Amel, Bülling­en, Büt­gen­bach, Burg-Reu­land und Sankt Vith im Süden werden von einem mehr­heit­lich franko­phonen Gebiet im Hohen Venn um Mal­medy und Waimes zer­schnitten. Seit 1920 gehö­ren diese Gebie­te – in Belgien nun "Ost­kanto­ne" genannt und in Deutsch­land unter dem Namen "Eu­pen-Mal­medy" bekannt – zum König­reich Bel­gien.
Eine Volks­befra­gung zum Staaten­wechsel erfolg­te 1920 unter "undemo­krati­schen Rah­men­beding­ungen" (Cre­mer 2012, S. 133). Bis 1925 wurden die "wieder­gewonn­enen Kantone" von einem Hohen Kommissar nach Art eines Militär­gouver­neurs verwaltet. Mit seinem Ein­marsch in Belgien 1940 annek­tierte Nazi­deutsch­land das umstrit­tene Terri­torium, im Sep­tember 1944 befrei­ten alli­ierte Truppen das Gebiet wieder.
Nach 1945 waren die deutsch­sprachigen Bel­gier lange margi­nali­siert und pauschal der Kollabo­ration und der Illoyalität verdächtig. Die "Deutsch­sprachi­ge Gemein­schaft" (DG) als Gebiets­körper­schaft ent­stand 1980/84 im Zuge weit­reichen­der bel­gischer Ver­fassungs­reformen. Sie ging aus dem 1973 einge­setzten "Rat der deutschen Kultur­gemein­schaft" hervor (Brüll 2010). Die DG mit ihren neun Gemein­den und 74.000 Einwohnern (etwa 0,7 Prozent der bel­gischen Gesamt­bevöl­kerung) ist heute ein im pronon­ciert föde­ralen Bel­gien weit­gehend auto­nomer Teil­glied­staat (quasi Bundes­land) mit eige­nem Parla­ment und eige­ner Regie­rung, gehört terri­torial jedoch zur Region Wallonie. Es sind seit geraumer Zeit poli­tische Bestre­bungen erkenn­bar, die DG in Zukunft als vierte (Terri­tori­al-)Re­gion Bel­giens zu etablieren (vgl. För­ster/La­za­rus 2003; kritisch: Brüll/Miessen 2003). Mit dieser politi­schen Kontro­verse einher geht die Debatte um einen ange­messen­en, treffen­den Namen für das Gebiet der deutsch­sprachigen Belgier (vgl. Schroeder 2012): "Ostbelgien", die "belgischen Ost­kantone" und die "Deutsch­sprachi­ge Gemein­schaft" sind keine exakten oder deckungs­gleichen Bezeich­nungen. Zudem ist zu beachten, dass es einige französisch­sprachige Gemeinden außerhalb der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft gibt, in denen eine deutsch­sprachige Minder­heit (mit offiziellen sprach­lichen "Erleich­terungen") lebt, so etwa in und um Malmedy oder Waimes/Weismes.
In histo­rischer Per­spek­tive ist die natio­nale Zugehörig­keit der Gemein­den um Eupen, Mal­medy und Sankt Vith viel­schichtig: Sie waren auf dem Wiener Kon­gress 1815 Preußen zuge­spro­chen wor­den; die heutige Gemein­de Kel­mis/La Calamine fungierte von 1815 bis 1919 als staaten­lose Puffer­zone Neutral-Moresnet und war de facto unab­hängig. Vor 1815 waren die heu­tigen Ost­kantone ein klein­teili­ger Flicken­teppich ver­schie­dener Landes­herr­schaf­ten (Herzog­tümer Luxem­burg, Lim­burg, Brabant, Kur­fürsten­tum Trier, Reichs­abtei Stevelot-Malmedy, Marien­stift Aachen; vgl. Rosen­sträter 1985, S. 37ff.). Bis zu den terri­torialen Umwäl­zungen im Nach­gang der Französischen Revolu­tion, als Frank­reich sich unter Napo­leon bis zum Rhein aus­dehnte, hatten weite Teile des heu­tigen Bel­gien als Spani­sche bzw. später Öster­reichi­sche Nieder­lande dem Hause Habs­burg gehör­t. Bel­gien, 1830 als Ab­spal­tung der Ver­einig­ten Nie­der­lande gegrün­det, er­wuchs also aus vielen Bezü­gen heraus, was auch seine heutigen Differen­zen und Diver­genzen erklärt.

• Artefakt­analyse: Was der pro­duk­tive Mensch formt und her­stellt, kann auch als "Arte­fakt" bezeich­net werden. "Begreift man Arte­fakte als Materia­lisie­rungen von Kom­muni­kation, so sind sie einer­seits Aus­druck der sozia­len Organi­sierung ihrer Her­stellung und sagen an­derer­seits etwas über den Kontext kommuni­kativer Bezie­hungen aus, in denen sie auftau­chen und ver­wen­det werden" (Froschauer 2003, S. 362). Mit Arte­fakten (z.B. Berichte, Broschü­ren, Kunst­werke, Foto­grafien, Tonauf­nahmen, Filme, Akten, Archi­tektur, museale Aus­stellungen, räum­liche Anord­nungen etc.) kann somit der kommuni­kative Kon­text einer sozialen Organi­sation (Unter­nehmen, Gruppie­rung, Nation, Community usw.) beob­achtet und auf dieser Grund­lage rekon­stru­iert werden. Der Vorteil: Diese "Daten" wer­den natür­lich, also ohne Zutun des For­schers (Beob­achters) produ­ziert und können so für eine inter­pretative Analyse erschlossen werden. Artefakte sind also Gegen­stände mit einer inhä­renten (oftmals symbo­li­schen) Bedeu­tung. Metho­disch kommen bei der Artefakt­analyse u.a. hermen­eutisch, dokumentarische und/oder ikono­graphisch orien­tierte Ver­fahren zum Ein­satz.

• Grounded Theory: Ein Ziel von qualita­tiv und induk­tiv orien­tierter Sozial­forschung ist das Gene­rieren einer Theorie, die zum (neuen, ggf. alter­nativen) Verständ­nis eines For­schungs­gegen­stands beiträgt. Ein solcher neuer, gegen­stands­veranker­ter und daten­basier­ter Erklärungs­ansatz ist nach Strauss/Cor­bin (1998) eine "Grounded Theory". Das Ent­wickeln einer Grounded Theory ist ein viel­schichti­ger Prozess, der auf kon­stantem Hinter­fragen des Gegen­stands und Ver­gleichen mit ähnli­chen/anders­arti­gen Gegen­ständen beruht und dessen Kern itera­tives "Codieren" bildet ("offenes", "axiales" und "selek­tives Codieren"). Mit diesen Analyse­schritten sollen die Eigen­schaften von Kate­gorien und ihre (Bedeu­tungs-)Dimen­sionen in stetig fokus­sieren­den Schritten heraus­gelöst werden, bis der Bedeu­tungs­kern des For­schungs­gegen­stands strukturell (das Warum) und prozessual (das Wie) erklär­bar ist (Strauss/Cor­bin 1998; vgl. Krotz 2005, S. 159ff.). Im empi­rischen For­schungs­prozess arbeitet der Grounded Theorist – einem Ethno­graphen vergleichbar – mit Memos und Feld­notizen.

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Beobachtungen

20.3.2012.  Sind die "letzten Bel­gier" die wahren Bel­gier? Dem irisch-engli­schen Drama­tiker und Sati­riker George Bernard Shaw zufolge war es die alte Kolo­nie Irland, die die "idea­len" Eng­län­der hervor­brachte: "(...) I per­ceive that Ire­land is the only spot on earth which still pro­duces the ideal English­man of history" (Shaw 1931/1947, zit. nach McLuhan 2003, S. 108). Der "Andere" wird hier zum natio­nalen "Eigenen": Ironie der Ge­schich­te. Die klischee­hafte Rede­wendung vom "letz­ten Belgier" bezieht sich aller­dings nicht nur auf die deutsch­sprachige Bevöl­kerungs­gruppe Belgiens, sondern oft auch auf die klassi­schen "Anderen": Einwanderer bzw. Migranten. "Are the Immigrants the Last Belgians?", fragt ein Buch­beitrag (Morelli/Schreiber 1998). Durchaus passend hierzu bebil­dert ein offi­zielles Belgien-Portal im Internet (www.belgium.be) seine Website mit dem Foto eines Mäd­chens, das offen­sichtlich zumin­dest ein außer­europä­isches Eltern­teil hat (vgl. Belgischer föde­raler öffent­licher Dienst, o.J.). Die letzten Belgier – wer immer sie sein mögen – sind nicht leicht einzu­ordnen und ent­ziehen sich der landes­typischen Dicho­tomie "Flame" versus "Wallone". Auch den Deutsch­sprachi­gen scheint in Belgien ein wenig das Attribut der Zuge­wanderten anzu­hängen. "Zugewandert" sind die Deutschs­prachigen nicht via Bewegung im Raum, sondern per Grenz­verschiebung. Grenz­ziehungen sind es auch, die den Diskurs um Zugehörig­keit und Nicht­zugehörig­keit zu einer Gesellschaft – um "Wir" vs. "Sie" – bestimmen (vgl. Zöllner 2008).

Besuch in Eupen, Haupt­stadt der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft (DG). Der Eupener Histo­riker Freddy Cremer schreibt in einem jüngst erschie­nenen Tagungs­band: "Es ist frag­lich, ob es in der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft [Belgiens] eine belast­bare kollek­tive Identi­tät gibt" (Cre­mer 2012, S. 141). Der bel­gische Identitäts­forscher André Lecours kon­ze­diert zumin­dest "an embry­onic German-speak­ing iden­tity in the German-speak­ing area" (Lecours 2001, S. 51). Mit dieser 'Null­hypo­these' ist die Heraus­forderung des For­schungs­projekts skizziert – und die erste Teil­aufgabe gestellt: den Begriff "(kollek­ti­ve/kul­turelle/eth­ni­sche) Identi­tät" zu defi­nieren und zu ver­suchen, ihn für das For­schungs­objekt an­wend­bar zu machen. Ein Exper­ten­inter­view mit Dr. Stephan Förster, Leiter des Fach­bereichs Außen­bezie­hungen und Euro­pä­ische Pro­gramme im Minis­terium der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft in Eupen (und zugleich ihr Ver­treter bei der Belgi­schen Bot­schaft in Berlin), erbringt wert­volle Hin­weise zum Thema.

Das Ministerium der Deutschsprachigen Gemeinschaft Eupen Belgien Bestimmt die Geschicke des wohl kleinsten europä­ischen Teil­glied­staates: das Ministe­rium der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft Bel­giens (DG) in Eupen
Foto: Oliver Zöllner


Ethnographische Primär­beobach­tungen: Eupen ist ein schmuckes Städt­chen mit ca. 10.000 Einwoh­nern und mit entspannter Atmo­sphäre, dessen (ältere) Archi­tektur eifel­rheinische Formen­sprache aufweist. Auf der Straße höre ich fast aus­schließ­lich deutsche Umgangs­sprache mit ripua­rischem Ein­schlag. Bel­gische Natio­nal- oder Regional­flaggen sehe ich nur vor Amts­gebäuden (Rathaus, Minis­terien usw.), und dann (wie in der EU üblich) gemeinsam mit der Europa­flagge – also keine ostenta­tiven national­staatli­chen Zugehörig­keits- oder Loyali­täts­bekun­dungen auf der symbo­lischen Ebene (d.h. etwa so, wie es in Deutsch­land bis ca. 1990 der Fall war; der Gewinn der Fuß­ball-Welt­meister­schaft und die etwa zeit­gleiche staatliche Wieder­verei­ni­gung haben dort der Natio­nal­flagge seither zu einer sicht­baren Ubiquität im Straßen­bild verholfen).
Die Eupe­ner Laden­lokale sind fast aus­schließ­lich auf Deutsch beschriftet, seltener zwei­sprachig deutsch/fran­zö­sisch. Ironischer­weise sind es die ört­lichen Nie­der­lassung­en bundes­deutscher Firmen (Aldi, Necker­mann-Reisen), die Ihre Schau­fenster­werbung bzw. Filial­beschrif­tungen wie im Rest der Re­gion Wallo­nie (zu der die Deutsch­sprachige Gemein­schaft terri­torial gehört) stan­dardi­siert auf Franzö­sisch anbieten: ein Beispiel für inter­kulturelle Instinkt­losigkeit "glokal" aufge­stellter Unter­nehmen.
Im Foyer des Minis­teriums der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft finde ich – neben zahlreichen Infor­mations­bro­schüren u.a. der Euro­päi­schen Union, der Provinz Lüttich, der Region Wallo­nie und der DG selbst – auch einen Flyer, der deutsch­sprachige Belgier zur Teil­nahme an einer Befra­gung zu ihrem Dia­lekt­gebrauch aufruft ("Kallt dir noch Platt? – Platt­frage­bogen der DG", ein Projekt der Uni­versität Lüttich und des Fach­bereichs Kultur des Minis­teriums der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft). Der geplante Dialek­tatlas verweist auf die tendenziell gefährdete Stellung der ostbel­gischen Lokal­dialekte, die gegen­wärtig eher von älteren Bewoh­nern gepflegt werden und zudem durch die (auch massen­medial vermittelte) Hege­monie der deutschen Hoch­sprache bedroht werden. Die Befragung hat also durchaus defensiv-kon­serva­torischen Charak­ter.Werthplatz Eupen Belgien Beschilderung Gospertstr. Eupen Belgien

Rechts: Hinweis­schilder in der Gospert­straße und das Krieger­denkmal am Werth­platz (Ent­wurf: Rudolf Henn, 1912) in Eupen
Fotos: Oliver Zöllner


Auf dem Werth­platz (heute vor allem ein Park­platz) steht das Krieger­denkmal aus reichs­deutscher Zeit von 1912, das der "gefallenen Söhne" des Kreises Eupen der Kriege von 1866 und 1870/71 gedenkt. Es ist eines der wenigen, das nach 1920 nicht ent­fernt worden ist (vgl. Scharte 2010, S. 175f.). Zusammen mit einem "Frie­dens­brunnen" (in einem anderen Teil der Stadt) ist das Denk­mal als örtliche Sehens­würdig­keit ausge­schildert.

Grenz-Echo Marktplatz Eupen Belgien Die Geschäftsstelle der Eupener Zeitung "Grenz-Echo" am Marktplatz
Foto: Oliver Zöllner


In der Geschäfts­stelle des Lokal­blatts "Grenz-Echo: Die deutsch­sprachige Tages­zeitung in Ostbel­gien" am Eupe­ner Markt­platz hängt die Repro­duktion des berühmten Bildes vom Turm­bau zu Babel (von Pieter Bruegel d.Ä.), ein Hinweis auf den bel­gischen Grund­konflikt, den Sprachenstreit; der haus­eigene Verlag bietet auch ein passen­des Buch an: Marion Schmitz-Rei­ners: "Leben in Babel. Eine Lese­reise in die bel­gische Seele" (2003). Mehrere ausge­stellte Bücher über König Baudouin I. und König Albert II. verdeut­lichen die traditio­nell loyalisti­sche Ausrich­tung des Verlags­hauses (vgl. Warny 2007a; 2007b). Zeitung Grenz-Echo Eupen Belgien
Andere Buch­titel aus dem Verlags­programm kreisen – neben lokal- und regional­kundlichen Publika­tionen – um die Themen Ein­wan­derung und Hybrid­identität (Rosine De Dijn/Willi Filz: "Deutsche unter Belgiern. Grenz­über­schreiten­de Erfah­rungen in Ostbelgien, Wallonien und Flandern", 2011), national­staat­liche Grenzen (Roland Siegloff: "Reise zu den letzten Grenzen. 100 Tage freie Fahrt durch die Festung Europa", 2011), oder behandeln lokal­geschicht­lich die Zwangs­rekrutie­rung von Ostbelgiern als Soldaten der Deutschen Wehr­macht (Maryanne Becker: "Grenzlandfrau", 2010), die Arbeit als Dienstmägde (Reiner Mathieu: "In Stellung. Einblicke in das Leben ost­belgi­scher Dienst­mädchen im 20. Jahr­hundert", 2007) oder als Hilfs­arbei­ter in der Land­wirt­schaft (Reiner Mathieu: "Knechte. Ein­blicke in den Alltag ostbel­gischer Jung­männer im 20. Jahr­hundert", 2011), was zum Einen auf die ländliche Struktur der ostbel­gischen Kantone ver­weist (Reminis­zenzen an prä­indus­trielle Pro­duktions­weisen und prä­moderne Herr­schafts­verhält­nisse), an Unrechts­herrschaft (nicht zuletzt während des Zweiten Welt­krieges unter reichs­deutscher Besatzung), möglicherweise aber auch Hinweise auf eine ehe­dem sub­alterne Stellung der deutsch­sprachigen Popu­lation im bel­gischen Staats­verband (bis etwa in die 1960er-Jahre) liefert. Man kann diese Publika­tionen durchaus als "Auto­ethno­graphien" der deutsch­sprachigen Belgier betrachten: als Dokumente der Selbst­definition einer ethnischen Community.
Ein weiteres ausge­stelltes Buch aus dem Grenz-Echo-Verlag behandelt das Massa­ker einer Waffen-SS-Einheit an ameri­kani­schen Kriegs­gefangne­nen Zeitung Grenz-Echo Eupen Belgien bei Malmedy in der Nähe von Eupen im franko­phonen Teil des ehemals deutschen Gebiets 'Eupen-Malmedy'
(Gerd J. Gust Cuppens: "Was wirklich geschah. Malmedy-Baugnez - 17. Dezember 1944. Die Kampf­gruppe Peiper in den Ardennen", 2. Auflage 2009) – ein Kriegs­verbre­chen, das bis in die jüngere Gegen­wart Anlass zu Kontro­ver­sen bot.   [Codes: Sprach­verwendung, Sprach­erhalt; Sprachen­konflikt; national­staat­liche Symbolik; symblische Arte­fakte, narrative Arte­fakte; Zugehörig­keits­rituale; Autoethnographien; Grenzen, Abgren­zung; regio­nale Ver­wurze­lung; Stellung der Deutsch­spra­chigen; Herr­schaft; Mythen; Kriegs­diskurse, Zweiter Welt­krieg]

Zeitung Grenz-Echo Eupen Belgien Der Titelkopf des "Grenz-Echos" vom 20.3.2012
Foto/Bearbeitung: Oliver Zöllner

Weitere Abbildungen oben (2), unten (1): Ausgestellte Bücher des Grenz-Echo-Verlags in seiner Geschäftsstelle in Eupen. Fotos: Oliver Zöllner


In der Eupener Zeitung "Grenz-Echo" vom 20. März 2012 (85. Jahr­gang, Nr. 67) fallen – neben der übli­chen Bericht­erstattung einer Lokal­zeitung – zwei Artikel auf, in denen die Deutsch­sprachige Gemein­schaft konkret themati­siert wird. "'Außen­bezie­hungen sind für die DG eine Über­lebens­frage'", überschreibt Gerd Zeimers seinen Artikel auf Seite 5 mit einem Zitat des DG-Minister­präsi­denten Karl-Heinz Lambertz. "'Es wäre fatal, diese tragende Säule für die Zukunft unserer Gemein­schaft anzusägen'", so der Politiker weiter. Die Pflege der Außen­bezie­hungen der DG – d.h. "die Vernet­zung und die Pflege von Kontak­ten mit dem Rest des Landes, mit den Nachbar­regionen (im Rahmen der Euregio Maas-Rhein und der Großregion Saar-Lor-Lux), mit dem benach­barten oder entfernten europä­ischen Ausland" – sei nach­gerade "'eine Über­lebens­frage' für die DG", wie der recht offiziöse Artikel nochmals betont. Das Wort "Über­leben­sfrage" taucht insgesamt drei Mal auf und ver­weist auf die offen­bar eminente Bedeu­tung einer poli­tischen Strategie der DG-Regierungs­ebene. Diese Strategie, so ist abzulesen, zielt auf eine weitere Außen­repräsen­tation und auch diplomatische Verankerung der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft als europäischer/belgischer Gliedstaat.  [Codes: Autonomie; Verteidigung, Fortbestand]

Zeitung Grenz-Echo Eupen Belgien Ein weiterer Artikel in der selben Zeitungs­nummer stellt (auf Seite 7) den Tagungs­band "Zoom 1920 2010. Nach­barschaf­ten neun Jahr­zehnte nach Ver­sailles" aus dem haus­eigenen Grenz-Echo-Verlag vor, heraus­gege­ben von Dr. Christoph Brüll (Universi­tät Lüttich). Unter der Über­schrift "Eupen-Malmedy im Rüc­kblick auf Versailles ... als Trost­preis?" fasst Redak­teur Heinz Warny u.a. den Buch­beitrag des Eupener Historikers Freddy Cremer zusammen, der in "schonungs­loser Deutlich­keit" analysiere, wie "der Versailler Ver­trag Geschichte und Erinne­rung der deutsch­sprachi­gen Bel­gier einem aufge­drückten Stempel gleich prägte": "Die offi­zielle und vorge­gebene Deutung, dass die Ostkantone 'in den Schoß der belgischen Familie zurückgekehrt' waren, durchdrang die Betreuung des Gebietes durch die Brüsseler Behörden und förderte in Eupen-Malmedy eine Stimmung, in der viele Ostbelgier sich von einer zu anderen Gewalt­herr­schaft hin gezerrt sahen."  [Codes: Vergangenheit, Geschichts­diskurs, Identitäts­diskurs]

 

Grenzen

Das heutige Ostbelgien ist "Grenz­land seit Menschen­gedenken", wie Alfred Minke, der Direktor des Eupener Staats­archivs, in einem von der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens unterstützten Tagungs­band detail- und material­reich belegt (Minke 2010). Nicht zuletzt spielen Grenzen "ihre Rolle im Identi­fikations­prozess der deutsch­sprachigen Belgier. (...) Sie dienen (...) zur Identi­tätsfindung" (Schleihs 2003, S. 28f.). Ethno­logisch ausge­drückt: "Grenzen stiften Ord­nungen, Zugehörig­keiten, Zusammen­gehörig­keiten, die gepflegt, erhalten, gesichert, vertei­digt, erzählt, begrün­det und erinnert sein wollen (...)" (Hart­mann 2000, S. 16).

"[B]order­lands are dis­tinct in that they pre­suppose a territory defined by a geopoli­tical line: two sides arbi­trarily separated and policed, but also joined by legal and illegal prac­tices of cross­ing and communi­cation" (Clifford 1994, S. 304).

Mit Blick auf Belgien insge­samt dürfen vor allem die inter­nen Sprach­grenzen (und die auf ihrer Grund­lage poli­tisch vehe­ment einge­forderten Macht­befug­nisse) als besonders prägnant gelten: "the country's inter­national borders are a mere forma­lity, its internal frontiers impos­ing and very real" (Judt 2006, S. 25). Das Markie­ren von Grenzen und ihre dis­kursiven Begrün­dungen können aus Sicht der Natio­nalismus- und Ethni­zitäts­for­schung gar als moderne Meta-Erzäh­lung verstan­den werden: "Ein an sich unplau­sibles und schwer prakti­kables System der Grenz­ziehungen wurde zu einer Selbst­verständ­lich­keit, zu einer gewal­tigen säku­laren Reli­gion" (Elwert 1989, S. 440). In diesen quasi-religiösen, rück­versichern­den Narra­tiven oder Mythen wird Geschichte rekon­struiert. "Menschen geben den Ereig­nissen Sinn, indem sie sie in die Form von Erzäh­lungen bringen – als 'Ge­schich­te' ordnen" (ebd., S. 441). Man könnte dies mit Roland Barthes als ein Verfahren bür­ger­licher Ideo­logie deuten: "etwas Zufälli­ges" soll als "etwas Ewi­ges" begrün­det werden (Barthes 2010, S. 294f.). In der großen Erzäh­lung, im Mythos verlie­ren die Phäno­mene des All­tags die Spuren ihrer Fabri­ziert­heit (ebd., S. 295), dass sie also Inter­essen gehor­chen und Willkür unter­liegen. Das For­schungs­projekt steht dem­nach vor der Frage: Wo sind die Grenzen? Wer hat sie gezogen? Was trennen diese Gren­zen? Zu welchem Zweck? Was ist ihre Bedeutung? In Form welcher Ver­ding­lichungen bzw. von was für Versatz­stücken begegnet man ihnen im Alltags­umfeld? Wer kon­stru­iert die Bedeu­tungen, die dahinter stehen? Also: Welchem "roten Faden" folgen die "Grenz­markie­rungen" der kollek­tiven Identi­tät im All­tag der Deutschs­prachi­gen Gemein­schaft Ost­belgiens? In diesem Sinne soll die Erzähl­ebene (Narra­tive, Mythen) mit der materi­ellen Ebene (Arte­fakte) ver­knüpft werden.

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Weitere Begriffsklärungen

• Mythos: Ein Mythos (gr.: Fabel) ist eine Erzäh­lung. Anders als die umgangs­sprachliche Verwen­dung dieses Begriffs sugge­riert, ist ein Mythos keines­wegs zwangsläufig eine trüge­rische, lügne­rische oder irratio­nale Dar­stellung. "Mythen handeln von Unbe­kanntem, von Dingen, für die wir anfangs keine Worte haben" (Arm­strong 2007, S. 9). Sie verbin­den die Ebenen des Gött­lichen und des Pro­fanen und werden bei Über­gangs- oder Schwellen­zustän­den einge­setzt. Mythen dienen einem Zweck: "Ein Mythos ist keine Geschichte, die um ihrer selbst willen erzählt wird. Er zeigt uns, wie wir uns verhalten sollen" (ebd.). Ein Mythos verknüpft also symbolische Form (Erzählung) und aktuative Form (Handeln). In diesem Sinne ist der Mythos "ein System der Kommuni­kation, eine Bot­schaft" (Barthes 2010, S. 251), die von Menschen in einer bestimmten Situa­tion moti­viert kreiert wird: als münd­liche Rede, als Schrift, Bild, Graphik, Objekt, Ritual oder materi­elle Anordnung, als Idee-in-Form (nach Barthes 2010, S. 255). Diese Idee-in-Form ist im Verlauf der Zeit durchaus verän­derlich, flexibel und eigen­tümlich unfertig: "A myth [is] like an improvised score flowing to the rhythms of history, and bar by bar its meaning [can] change over time" (Malik 2014, S. 72). Durch­aus passend kann der Mythos auch be­schrie­ben wer­den als

"eine im Unter­bewußt­sein der Gene­rationen sich voll­ziehen­de Ansamm­lung gleich­laufender Bil­der, in denen bestimmte Sei­ten der mensch­lichen Exis­tenz im Symbol ihren Aus­druck finden. Er dient weniger der Erklärung als der seeli­schen Bewälti­gung der Wirk­lich­keit und der Ein­ordnung in sie" (Brugger 1990, S. 255).

Um die Sinn­haftig­keit dieses Pro­zesses der Bewälti­gung und Ein­ord­nung zu entschlüsseln, kommt dem Mythenleser die Aufgabe zu, "die wesentliche Funktion der Mythen zu ent­hüllen" und dabei den Mythos "in der Art einer zugleich wahren und irre­alen Geschichte" zu erfahren, in der diese Geschichte "in Natur" verwandelt wird (Barthes 2010, S. 277f.):

"Was die Welt dem Mythos liefert, ist ein histo­risches Reales, das (…) definiert ist durch die Art und Weise, wie die Menschen es hervor­gebracht oder gebraucht haben; und was der Mythos zurück­gibt, ist ein natür­liches Bild dieses Rea­len" (Barthes 2010, S. 295).

In eben diesem Mythos verlie­ren die Dinge somit "die Erinne­rung daran, daß sie herge­stellt worden sind" – was Barthes auch als "entpoli­tisierte Rede" bezeichnet (ebd.). Die Erzäh­lung erscheint am Ende natür­lich, geord­net, ewig, 'schon immer so gewesen', scheinbar ent­koppelt von ihrem gesell­schaftli­chen Telos und ihrer konkre­ten persua­siven Funktion. Somit entzieht der Mythos "dem Gegen­stand, von dem er spricht, jegliche Geschichte" (ebd., S. 306). Der Mythos als Rede­form, die ent-nennt statt be­nennt, eröffnet so para­doxer­weise "den Zugang in ein großes Schwei­gen" (Arm­strong 2007, S. 9). Folge­richtig seien in der Mythi­sierung be­stimmte Erschei­nungen "als ehrfürch­tig hinzuneh­mend" dar­gestellt, etwa Staat, Volk und Kollek­tiv (Streller 1952, S. 399).

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Selbstdarstellungen

23.3.2012.  Die obigen Kernthemen und Codes rund um Identi­tät und Vergangen­heit spiegeln sich auch in offi­ziellen PR-Materia­lien wider. So heißt es in einer Selbst­darstellungs-Bro­schüre des Minis­teriums der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft von 2006: "[D]ie Deutsch­sprachige Gemein­schaft (...) liegt im Osten Belgiens, dort wo das König­reich an Deutsch­land, Luxem­burg und die Nieder­lande angrenzt. Eine Grenz­region also, am Schnitt­punkt der germa­nischen und roma­nischen Kultur. Offen­heit und inter­nationa­ler Aus­tausch sind hier ebenso selbst­verständ­lich wie die Mehr­sprachig­keit der Bevöl­kerung" (S. 22).

PR-Materialien der DG Das Titel­blatt der aufwändig gestal­teten Bro­schüre im A4-Quer­format (s. Foto links) zeigt drei Fotos in Sepia-Tönen: ein barockes Amts­gebäude mit der bel­gischen und der DG-Flagge (die Ebene der histo­risch legiti­mierten gesamt­staat­lich/regio­nalen Herr­schaft); eine Nah­aufnahme von Pralinen (ein Symbol der "Belgi­tude"; zugleich ein bel­gisches Image-Klischee); ein blonder Junge an einem leicht verwitter­ten Grenz­stein im Wald (Ver­gangen­heit und Gegen­wart einer einst­mals umstrittenen Region; der Wald zugleich ein deutscher Urmythos). Das letzte Bild der Broschüre (S. 23) ist eine Farb­aufnahme eines Auto­bahn­knoten­punkts bei Eupen mit blauen Richtungs­weisern nach "Paris/Maas­tricht/Liège", nach "Trier/St. Vith/Luxem­bourg/Spa/Verviers" und nach "Aachen/Düssel­dorf/Köln", zeigt also die zentral­europä­ische Lage und die Verbunden­heit und Bin­dungen der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft: Sie soll nicht als peri­pher er­scheinen.

Der dazu­gehörige Image­film "DG. Deutsch­sprachige Gemein­schaft Bel­giens. Eine euro­päische Re­gion" (Minis­teri­um der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft 2006, CD-ROM) zeigt die Region kon­genial als lebens- und liebens­werte, wirt­schaft­lich auf­strebende Gebiets­körper­schaft mit reich­haltigem Bildungs-, Kultur- und Freizeit­angebot. Der 11-minütige Film beginnt mit ani­mier­ten Foto­stills, über die grund­legende Statis­tiken zur Deutsch­sprachigen Gemein­schaft gelegt werden. Als Klammer des Films, der aus relativ kurzen Ein­stellungen und Syntagmen besteht, die inein­ander über­blenden, fungieren zwei Auf­tritte eines jungen Mannes mit Fahr­rad in rot-blauer bel­gischer Post­uniform. Erste Szene: Vor einem beflagg­ten Amts­gebäude mit korinthi­schem Porti­kus und vergol­deten Säulen­kapitellen – in seiner archi­tekto­nischen Formen­sprache als Ver­weis auf eine Blüte­zeit gemein­samer klassisch-europä­ischer Kultur deutbar – sagt der Post­bote (mit ripua­rischem Dialekt­einschlag): "Ich bin Bel­gier. Ich bin deutsch­sprachi­ger Bel­gier. Ich lebe und arbeite gerne in der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft." Amts­palais und Post­uniform symboli­sieren hier den staat­lich-hoheit­lichen Bereich, der Brief­träger schafft die Verbin­dung zum Alltag, zum "kleinen Mann". Schwenk auf den Post­korb, aus dem der Brief­träger eine Post­karte mit dem Motiv einer Foto­grafie der Erd­kugel heraus­nimmt.

Über­blende zu Sequenzen, in denen Bel­gien, seine Regio­nen und Sprach­gemein­schaften erklärt werden. Weitere Sequen­zen themati­sieren (in dieser Reihen­folge) den Minder­heiten­schutz in der Euro­päi­schen Union, die Selbst­verwal­tung der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft, die Bürger­orientie­rung der DG-Parlamen­tarier, das Schul­wesen, dessen Mehr­sprachig­keit als Vor­teil, das beruf­liche Aus­bildungs­wesen, den Arbeits­markt, die Sprach­kennt­nisse der Arbeit­nehmer, Industrie, Arbeits­markt, den "Stand­ort DG" (Kommen­tar­ton), Natur, Land­schaften, Erholung, Touris­mus, Sehens­würdig­keiten, die Gastro­nomie, Brauch­tum, Feste, Kirmes, Märkte, Umzüge, Kunst­samm­lungen, Theater­auffüh­rungen, Konzerte, Karneval (Kommen­tar­ton: "das jecke Treiben"; O-Ton einer mittel­alten Dame auf Karnevals­umzug: "Das ist alles eine Frage der Mentali­tät"), Alten­pflege, sozia­les Netz (Kommen­tar­ton: "gelebte Gemein­schaft"), deutsch­sprachige Medien, Grenz-Echo, Belgi­scher Rund­funk (O-Ton BRF-Redak­teur: "Dass es uns gibt, hat sehr viel mit den Menschen zu tun, natür­lich auch mit der Historie. Es gibt uns seit 60 Jahren, und es hat eben sehr viel damit zu tun, dass die Menschen hier in Ost­belgien über sehr viele Jahre, über Jahr­zehnte, ihre Identi­tät gesucht haben und inzwischen, zum Teil zumin­dest, gefun­den haben"), wechsel­volle Ge­schich­te, Grenz­verschie­bungen/Staats­wechsel 1815 bis 1945, Sprachen­gesetz­gebung 1960er-Jahre, eigenes Parla­ment ab 1970er-Jahre, erste Regie­rung der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft 1974, heimat­kundliche Museen, alte Archi­tektur (Kommen­tar­ton: "Die Menschen in der DG sind stolz auf ihre Heimat"). Die gezeigten Eupener Tuch­macher­häuser (ca. 18. Jahrhundert) verweisen histo­risch auf ein stolzes, sich vom Adel emanzi­pierendes Bürger­tum, das seine Auto­nomie aus seinem Wohl­stand heraus legiti­miert. 

Die letzte Szene des Image­films zeigt wieder den jungen Post­boten und seinen ähnlich formu­lierten Auf­sager vom Anfang des Films: "Ich bin Belgier. Ich bin deutsch­sprachi­ger Bel­gier, und meine Heimat ist die Deutsch­sprach­ige Gemein­schaft", gefolgt von Bild­impressio­nen aus Eupen. Der Film schließt mit Image­bildern und den Wort­marken "Tradition leben" (Bild: junge blonde Frau vor Burg­ruine [Burg Reuland] mit Plakette "geschütztes Denkmal"; vgl. Broschüre: S. 15) / "Gemein­schaft leben" (Bild: ältere Menschen mit junger Pflegekraft im weißen Kittel vor Marien­statue; vgl. Broschüre: S. 13) / "Europa leben" (Bild: Autobahnwegweiser, s.o., Broschüre: S. 23) / "Ost­belgien leben" (Bild: Junge am Grenz­stein im Wald, s.o., Broschüre: Titelblatt und S. 9). Geschich­te und Gegen­wart, die nationale und supra­nationale Ebene werden also im Regio­nalen fokussiert: so das offi­zielle Selbst­bild der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft.

Auf der Website des Minis­teriums der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft findet sich unter der Überschrift "Kulturelle Identität" ergänzend eine kurze, quasi offizielle Selbst­definition der eigenen Identität. In einem sparsamen, modernis­tischen Design, vor einem hellen Hinter­grund und begleitet von einem rund geschnitten­en Foto einer idyllisch baum­bestan­denen und von Wäldern umrahmten Klein­stadt (s. Screenshot www.DG.be), ist der folgende Text zu lesen:

Screenshot DG.be: Kulturelle Identität

"Die Einwohner der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft verstehen sich als Menschen in einem euro­päischen Kern­gebiet. Sie pflegen einen unbeküm­merten Zugang zu vier verschie­denen Ländern: Belgien natürlich, aber auch Deutsch­land, die Nieder­lande und Luxem­burg. Sie identi­fizieren sich über die deutsche Sprache, zum Teil mit der deutschen Kultur und bestimmt mit dem rheini­schen Brauchtum.
Die DG liegt im Osten Belgiens – am Schnitt­punkt der germani­schen und der romanischen Kultur. Offenheit, Mehr­sprachig­keit und inter­nationaler Austausch sind in der Gesell­schaft fest verankert. Die Ost­belgier profitieren von Einflüssen aus Deutschland und den Niederlanden ebenso wie von Einflüssen aus Flandern, der Wallonie und Luxemburg. Man sagt auch, die Deutsch­sprachigen 'arbeiten preußisch und leben französisch'"
(Minis­terium der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft 2010).

Es wird in diesem Text osten­tativ der Topos der Inter­natio­nali­tät verfolgt: Die Ost­belgier werden zwar als deutsch­sprachig und "mit dem rheini­schen Brauchtum" verbunden beschrieben, aber nicht als "deutsch"; vielmehr als Europäer an einem Kreuzweg verschie­dener Kulturen und Einflüsse. Es wird deutlich, wie hier (Mono-)Nationa­lismen widersprochen wird; die Deutsch­sprachige Gemein­schaft Belgiens soll als hybrider, trans­nationa­ler Mittler zwischen Kul­turen auftreten – und das "unbe­kümmert", also sorgen­frei und unbe­lastet. Diese pronon­cierte Lässig­keit wirkt aller­dings alles andere als lässig: Der Leser soll von etwas über­zeugt werden. Mindes­tens davon, dass die Bindung an Belgien "natürlich", also nicht in Frage zu stellen sei.   [Codes: Public Relations, persua­sive Kommu­nika­tion; Symbole, Images, Selbst­bild; Identität; Autonomie; Heimat; Vergangen­heit, Zukunft; Produktion, Konstruk­tion, Kontrolle; Narration, Narrativ, Erzähl­modell, Mythos]

 

Selbstbild: Umfrage

Eine repräsentative demo­skopische Befra­gung (Basis: DG-Bevöl­kerung 16+ in Privat­haushalten, Zufalls­stichprobe, Mai/Juni 2011, n = 1.013) im Auftrag des Minis­teriums der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft (polis+sinus 2011) vermittelt ein aktuelles Bild in der Popu­lation: Rund 81% der Befragten sind belgische Staats­bürger, 18% besitzen einen deutschen und 1% einen nieder­ländi­schen Pass – Ostbelgien ist also durch­aus für Einwan­derer attraktiv; vor allem die Nähe zu Aachen macht sich bemerk­bar. 90% der Befragten bezeich­nen Deutsch als ihre Mutter­sprache, nur 7% Franzö­sisch. Das Merkmal "Mutter­sprache Deutsch" ist quer durch alle Alters­gruppen stabil: Die Verwen­dung der deutschen Sprache ist also nicht rück­läufig. 56% sprechen und ver­stehen das regionale Platt­deutsch, tendenziell, aber nicht ausschließ­lich, sind dies ältere Befragte. Mit Blick auf die Identität und Eigen­bezeich­nung der Popu­lation aufschluss­reich ist das Item "Wenn Sie jemand fragt, in welcher Gegend Sie zuhause sind, was würden Sie da sagen?" (S. 16). Bei nur einer Antwort­option geben 29% der Befragten "Ost­belgien" zu Protokoll, 22% "Deutsch­sprachige Gemein­schaft", 15% "Belgien", sowie je nach Wohnort 15% "Eifel/Süden der DG", 14% "Eupener Land/Norden der DG", noch 3% "Europa" – aber niemand nennt die "Wallonie" seine Heimat (0%). Auf einer vierstufigen Likert-Skala wird die Deutsch­sprachige Gemein­schaft von den Befrag­ten durchaus passend als über­wiegend "grün", "länd­lich", "gemüt­lich", "über­sicht­lich", "freund­lich", "ruhig" und "tradi­tions­verbun­den" (60 bis 48% "trifft voll und ganz zu"); Items wie "offen", "multi­kulturell", "inter­national", "tolerant" und "dyna­misch" werden dagegen von deut­lich weniger Befragten als stimmige Cha­rakteri­sierungen der eigenen Popu­lation angesehen (S. 24f.).
Die Erhe­bung ermittelte auch ein Mei­nungs­bild, wie sich die Deutsch­sprachige Gemein­schaft inner­halb des bel­gischen Staats­verbands in Zukunft adminis­trativ entwickeln soll. "Auf die Frage, ob das deutsche Sprach­gebiet im Rahmen der anstehen­den Staats­reform weiter Teil der Wallonie bleiben oder eine gleich­berechtigte vierte Region werden soll, sprechen sich 39% dafür aus, alles so zu lassen, wie es heute ist und 52% wollen die gleich­berechtigte vierte Region" (S. 68).
Die zu Beginn der Erhe­bung gestellte (offene) Frage, was sub­jek­tiv "die wich­tigsten Auf­gaben und Probleme [sind], die in der DG ange­packt wer­den sollten", relat­iviert auf ernüch­ternde Weise indes viele der oben refe­rier­ten Daten: Mit 18% der Nennungen liegen Themen rund um den Ver­kehr (Ver­kehrs­pro­bleme/-beru­hi­gung/Straßen­bau/-zustand/öffent­licher Per­sonen­nahver­kehr) ganz vorn. Die Lebens­wirklich­keit ist oft boden­ständiger und profaner als die im Alltag ohne­hin selten reflek­tier­ten Fragen nach Identi­tät und Poli­tik; aber Verkehrs­wege – früher ebenfalls "Kommu­nika­tion(en)" genannt und nach Harold Innis eine konsti­tutive Grundlage für das Entstehen von Impe­rien und später National­staaten (Innis 1950; vgl. auch Laxer 2003, S. 24ff.) – sind auch gerade in einem relativ peri­pheren Grenz­land wichtige Verbin­dungen.  [Codes: Heimat; Verwur­zelung; Sprache; Identi­tät; Regionali­tät; Selbst­bild; All­tag]

 

Grenzziehungen und Identitäten

28.3.2012.  Ich begebe mich auf die Suche nach den Gren­zen der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Bel­giens: nicht im physi­schen Sinne (diese Markie­rungen sind auf Land­karten klar defi­niert), sondern auf der Ebene der ethno­logi­schen Lite­ratur zur Identi­tät von Popula­tionen. "Boun­daries and identity are (...) different sides of the same coin, with the former creating and being created through the latter (...)" (Chan/Mc­Intyre 2002, S. xv). Als sozia­les Kon­strukt werden Gren­zen permanent in Frage gestellt und neu ausge­handelt; sie sind dyna­misch, "in a constant state of flux" (ebd.). Dabei wird in der ethno­logisch orientier­ten For­schung zuneh­mend aner­kannt, dass "the construc­tion of bounda­ries is achieved through narra­tivity which informs us how we make sense of the social world and consti­tute our social identi­ties" (ebd.). Grenzen sind also Resul­tat eines Dis­kurses, sie ent­stehen in der Inter­aktion mit anderen Akteuren. Eine Community wie die DG konstru­iert und konsti­tuiert sich demnach auf der Basis von Aus­hand­lungen über ihre Grenzen: wer gehört dazu, wer nicht; was ist 'das Eigene', was ist 'das Andere'?

Belgisch-deutsche Grenze Belgisch-deutsche Grenze im Wald bei Aachen: heute ein recht banaler Anblick, doch einstmals umkämpft.
Foto: Oliver Zöllner




Die Antworten auf diese Fragen können von den Popu­lations­mit­gliedern 'pri­mor­dial' oder 'situ­ativ' gegeben werden. Pri­mordiale Identi­tät "bezieht sich auf die Vor­stellung, daß die in frühes­ter Kind­heit erwor­benen Merk­male wie Sprache, Ab­stammung und Reli­gion die Mit­glieder ethnischer Gruppen affektiv verbindet und sich nur so ein ent­sprechen­des Gruppen­selbst­ver­ständ­nis aus­bildet" (Ory­wal/Hack­stein 1993, S. 595). Das Konzept der situa­tiven Identi­tät dagegen "betont, daß der Rekurs auf gemein­same Merk­male von der Situa­tion abhängig ist, in der sich die Mit­glieder der Gruppen zum Zeit­punkt des Bestimmens und des Aushan­delns ethnischer Grenzen befinden" (ebd.). Beide Ansätze werden gegen­wärtig kombina­torisch, in Synthese verfolgt.

Ethnizität ist etwas "that inheres in every group that is self-identifying – or at least that it ought to be considered as such" (Chap­man et al. 1989, S. 15). Wenn Ethnien, auch Nationen (als historisch relativ junges Phänomen), als "kulturelle Artefakte" zu sehen sind (Elwert 1989, S. 441), die "in Form von Erzäh­lungen" (ebd.) in eine sinnvolle Ord­nung gebracht werden, dann können 'Wir-Gruppen' wie Ethnien – und über­geordnet auch ihr modernes Organisa­tions­prinzip: Natio­nen – auch imaginiert, erfun­den werden. Dieser Analyse­ansatz ist für ganz Bel­gien insofern von Belang, da das König­reich erst 1830 geschaffen worden ist und bis in die Gegenwart um seine national­staat­liche Form, seine verbin­dende Erzählung ringt. Eine Nation kann als "symbolic formation" (Hall 1993, S. 355) aufgefasst werden, die bestimmte Vorstellungen von sich produziert. Eine Nation erscheint so als "an ima­gined political community – and imagined as both inherently limited and sovereign" (Ander­son 1991, S. 6). Dies impliziert keineswegs, dass diese Nation oder ethni­sche Gruppe nicht genuin oder gar 'falsch' ist: "Commu­ni­ties are to be distin­guished, not by their falsi­ty/genuine­ness, but by the style in which they are imagined" (ebd.). Zusammenfassend kann Ethnizi­tät also gesehen werden als

"as a subjective sense of belong­ing, which (...) is ex­pressed in the idea (not necessa­rily the fact) of a shared culture, history, or pheno­typical simila­rity, whose social relevance depends on the context which defines its salience. Ethnic boun­daries result from the actions of actors on both sides of the 'border' (...)" (Dhoest et al. 2012, S. 376).

Formen, Medien und Narra­tive, in denen eine ethnische Gruppierung 'sich erzählen' kann, sind nach Anderson (1991, S. 37ff., 163ff.) etwa Bücher (in einer eigenen Sprache), Zensen, Land­karten und Museen, die alle das Ziel haben, kollektive Pro­zesse des Erinnerns und des Ver­gessens (ebd., S. 187ff.) in eine ordnende und damit legitimierende Form zu bringen. Dass Anderson sich bei seinen Aus­füh­rungen auf den Kolonial­staat (euro­päische Mächte und ihre Besitz­ungen in Über­see) bezieht, ist mit Blick auf Ost­belgien insofern von Interesse, da das König­reich Bel­gien das ihm 1920 von Deutsch­land abgetretene Gebiet von 'Eupen-Malmedy' (zeit­genössi­sche bel­gische Sprach­regelung: "les cantons ré­di­més"; nach van Istendael 2011, S. 177, oder "la Bel­gique récupérée"; nach Cremer 2012, S. 125) zunächst wie eine Kolonie unter dem Diktat eines Mili­tär­gouver­neurs (mit lang­jähriger Dienst­erfahrung in Belgisch-Kongo) verwaltet hat (Fickers 2004, Abs. 15ff.; van Istendael, S. 178; Wenselaers 2008, S. 49ff.).
Stuart Hall (1990) verweist in seiner Diskussion des Wesens von kultureller Identi­tät auf das zentrale Merkmal der ständigen Wandelbar­keit dieses Konstrukts – und dabei auch explizit auf den trauma­tischen Aspekt der Erfahrung, als koloni­ali­siertes Subjekt oder Kollektiv den Zuschrei­bungs­katego­rien Dritter unterworfen zu sein:

"Cultural identity (...) is a matter of 'becom­ing' as well as of 'being'. It belongs to the future as much as to the past. It is not some­thing which already exists, trans­cending place, time, history and culture. Cultural identities come from some­where, have histories. (...) Far from being grounded in a mere 'recovery' of the past (...), identities are the names we give to the different ways we are positioned by, and position ourselves within, the narratives of the past. It is only from this (...) position that we can properly understand the traumatic character of 'the colonial experience'" (Hall 1990, S. 225).

Urbelgisch? Oder Kolonie?

Kollek­tives Erinnern und Imagi­nieren – und somit Identi­tät – hat also auch immer ewas mit Herr­schafts­ausübung zu tun. Die Deutsch­sprachige Gemein­schaft Bel­giens, so ließe sich aus ihrer Historie schließen, versucht der­zeit ihre eigenen, auto­nomen Identi­täts­narra­tive zu schreiben: Diese könnten vor dem Hinter­grund der Erfah­rungen mit preu­ßisch-deut­scher Gebiets­hoheit (1815-1920), zunächst weit­gehend unge­liebter bel­gischer Herr­schaft (1920-40) und dem Inter­mezzo der deut­schen Annex­ion unter dikta­torischen Vor­zeichen (1940-44) als verspätet "post-impe­rial" bezeich­net werden.

"Un­mittel­bar nach der Befrei­ung vom NS-Regime sind in Ost­belgien Geschichts­standards geschaffen worden, die eine hohe Halb­wert­zeit haben und manch­mal beharr­lich wie eine Rest­größe bis in die Gegen­wart fort­wirken (...), wodurch einer diffe­ren­zier­ten Aus­ein­ander­setzung mit der eigenen Vergangenheit für viele Jahr­zehnte der Boden entzogen wurde" (Cremer 2012, S. 127).

Bemer­kens­wert ist in diesem Zusammen­hang, dass einer Umfrage aus dem Jahr 1998 zufolge "nur 37% der Abitu­rienten aus der DG wuss­ten, dass [dieses] Gebiet erst seit dem Ende des Ersten Welt­krieges zum bel­gischen Staat gehört" (ebd., S. 130). Das Narra­tiv der quasi 'ur­bel­gischen' Zugehö­rig­keit der Ost­kantone scheint in der staat­lich kon­trollierten Sphäre der Schul­ausbildung lange perpe­tuiert, vorherige landes­herr­li­che/staat­liche Zuge­hörig­keiten des Terri­toriums dis­kursiv ignoriert worden zu sein. Amnesie haben sich die deutsch­sprachigen Belgier teil­weise auch selbst verordnet: so Anfang der 1980er-Jahre bei der Frage nach der Bezeichnung der künftigen Autonomieregion ('Deutsche' oder 'Deutschsprachige' Gemeinschaft?). "Ein Sprecher der Mehrheit [des damaligen 'Rats der deutschen Kulturgemeinschaft'] forderte die Ratsmitglieder auf, für den Begriff 'deutschsprachige Gemeinschaft' zu stimmen, 'um unserer Bevölkerung das Vergessen leichter zu machen'" (Cremer 2012, S. 128 mit einem Zitat aus dem offiziellen Ratsprotokoll von 1980). Es gab offensichtlich viel zu vergessen: "Amnesie als politisch verordnete Therapie, um von der Bürde der Vergangenheit zu befreien!" (ebd.). Die 'fehlende' oder verschwiegene Vergangenheit bedingt allerdings auch eine Leerstelle der kollektiven Identität, die noch gefüllt werden muss. Seit den 1970er-Jahren prägte vor allem eine selbst­gewählte Metapher den Diskurs der deutsch­sprachi­gen Bel­gier über ihre Vergangen­heit:

"das Bild der Ost­belgier als 'Opfer' der Geschichte, als Opfer imperi­alisti­scher Groß­macht­bestre­bungen franzö­sischer oder deutscher Ausprä­gung, Opfer der Versailler Reparations­politik, Opfer des National­sozialis­mus oder der bel­gischen Säuberungs­politik. Aus dieser 'Opfer­logik' folgte ein 'Opfer­selbst­bild', welches die Eupen-Malmedyer zu 'Objekten' der Welt­geschichte redu­zierte, zu einem 'Spiel­ball' der Welt­politik, auf die man selbst nie Ein­fluss gehabt habe. Aus der Sicht der ost­belgischen Poli­tiker, die zu den prominen­testen Trägern des 'kommuni­kativen Gedächt­nisses' zählen, ist diese Inter­preta­tion der Geschichte verständ­lich, redu­ziert sie doch die lokalen poli­tischen Akteure zu passi­ven Objekten der Geschichte, die jeg­licher histo­rischer Verant­wortung ent­hoben sind" (Fickers 2004, Abs. 35).

Andreas Fickers fasst diese ostbel­gische Erinne­rungs­politik, die vom Umdeuten und Schweigen domi­niert wird, abschließend so zusammen: "Der Opfer-Status ist zum bestimmenden Faktor institutioneller Erinnerungskultur geworden, auch dort, wo die Geschichte der Täter eine mindestens gleich­berechtigt mahnende Erinne­rung verdiente" (ebd., Abs. 38).

Der ostbel­gische Autor Freddy Derwahl charak­teri­siert seine Heima­tregion durchaus passend als die einer "'kleinen Welt des Schweigens', die sich selbst zu genügen scheint" (zitiert in Schwieren-Höger/Sackermann 2003, S. 31). Keines­wegs muss die der­zeit geschrie­bene oder noch zu schrei­bende Identi­tät der Ostbel­gier eine rein selbstbezügliche, aus­schließ­liche, einheit­liche sein. Vielmehr ist je nach Kontext von einer multip­len, 'hybriden' Identi­tät auszu­gehen: "a group or an individual has no one identity, but a variety (...) of possi­bilities, that only incomple­tely or partially overlap in social time and social space" (Chapman et al. 1989, S. 17). Man kann gleicher­maßen 'Bengali' wie auch 'Brite' sein; 'Muslim' und 'Franzose'; oder zugleich 'Katholik', 'Antwer­pener', 'Flame', 'Europäer' – oder eben 'Deutsch­sprachiger' und 'Belgier' oder 'Deutsch­sprachi­ger Belgier' – allerdings wohl nicht 'Deutscher + Belgier': "'Unsere Eigenart ist nicht 'deutsch'", so Bernd Eicher, Mitglied des belgischen Senats und des damaligen 'Rates der deutschen Kultur­gemein­schaft', in der bereits erwähnten Rats­debatte zum zukünftigen Namen der Gebiets­gemeinschaft 1980, "'sondern die deutsche Sprache, und darauf sind wir stolz!'" (zit. nach Fickers 2004, Abs. 40). Dieser Identi­täts­entwurf ist durchaus vor dem Hinter­grund der seiner­zeit einset­zenden Globali­sierungs­prozesse zu sehen, in denen sich das Lokale zunehmend mit Frag­menten aus anderen Welt­gegenden mischt und die ehedem mehr oder weniger klar definierte Ebene des Nationalen (des klassischen National­staats, der Einheits-Nationalität usw.) hinter sich lässt. "Identi­ties are localiz­ing and globaliz­ing at the same time. They seem to be more and more consti­tuted by over­lapping cultural fragments, instead of giving reference to single national frames" (Lie 2003, S. 149). Die ent­stehen­den Zwischen­räume werden dabei offen für (partielle) neue Identi­täts­konstruk­tionen bzw. 'Eigen­arten'. Und diese können auch regel­recht 'erfunden' werden.

 

"Invented Traditions"?

Tannen-baum Shoppe Leavenworth WA USA Edelweiss Weg Leavenworth WA USA
Hei­mat, hyper­reale Hei­mat? Der 'ty­pisch deut­sche' "Edel­weiss Weg" und der "Tannen-baum Shoppe" im faux deut­schen Fach­werk­haus in Leaven­worth, Wash., USA – eine "baye­ri­sche" Stadt in den Rocky Mount­ains.
Fotos: Oliver Zöllner


Manches, was alt und "schon immer so gewesen" erscheint, ist relativ rezent. Hobsbawm und Ranger geben in ihrem bekannten Sammel­band "The Invention of Tra­dition" von 1983 zahlreiche Bei­spiele für erfundene kollektive Traditionen. "'Traditions' which appear or claim to be old are often quite recent in origin and sometimes invented" (Hobs­bawm 1983, S. 1). Hobs­bawm defi­niert 'erfun­dene Tradi­tionen' als regel­rechte 'Ein­impfung' bestimm­ter Wert­haltungen und Ver­haltens­normen in all­täg­liche Prak­tiken:

"'Invented tradition' is taken to mean a set of practices (...) which seek to incul­cate certain values and norms of behaviour by repe­tition, which auto­matically implies continuity with the past. In fact, where possible, they normally attempt to establish contin­uity with a suitable historic past" (ebd.).

Ein promi­nentes Bei­spiel für eine solche 'passende Vergangenheit' ist etwa der rela­tiv rezente, sich aber alter­tümelnd-'tradi­tionell' gebende Einsatz von tartan-gemus­terten Kilts und von Dudel­säcken in Schott­land (vgl. Trevor-Roper 1983), der im Kontext von aktuellen Los­lösungs­bestrebungen von Groß­britannien mehr als nur 'folkloris­tische' Unter­töne hat. Erfundene oder neu geschriebene Traditionen spiegeln nicht zuletzt eine in vielerlei Hinsicht unsicher gewor­dene Gegen­wart wider: "In a destabi­lised world, ideas of durable tradition and folk memory start to appeal as a counter­weight and a drag in the face of capitalism's reckless and wreck­ing radical­ism" (Reynolds 2012, S. 404). Ein anders gela­gertes, aber für Ostbelgien durchaus instruk­tives Beispiel von erfundenen und in ihrer Fiktion der Bevöl­kerung auf­erlegten (und von dieser in ihrer Fabri­ziert­heit sogar akzep­tieren) Tradi­tionen analysiert Haun (2008) in ihrer Studie zur 'Erfindung' der 'Oster­insel' im Süd­pazifik, die es trotz der Anfüh­rungs­zeichen als chileni­sches Terri­to­rium real gibt (Isla de Pas­cua/Rapa Nui), deren Identi­tät und Gebräuche aber in viel­fältigen euro­zentrisch kolo­nia­len/imperi­alen Pro­zessen der Fremd­bild­zuschrei­bung seit dem 18. Jahr­hundert (dem Zeitpunkt der 'Entdeckung' der abgele­genen Insel durch nieder­län­dische See­fahrer) konstru­iert worden sind – "the invent­ing of Easter Island (...), its construc­tion as a site of imagi­native collec­tive inquiry and as a cultural topos" (Haun 2008, S. 30). Diese fremd­bestimmte Imagi­nation der Oster­insel und ihrer Geschichte lasse kaum Raum für die Aner­kennung des post­koloni­alen Traumas der Bevölke­rung: "In fact, it pre­vents that trauma from being presen­ted and expressed" (ebd., S. 28).

In vielerlei Hin­sicht ist Ost­belgien eine Art 'Oster­insel' mitten in Europa: ein Ort, an dem viel­fältige Imagi­nationen auf­einander­treffen und eine Geschichte simulieren, die es so (bisher) ent­weder nicht gege­ben hat, die 'verschwunden' ist (zum Verschwinden gebracht worden ist) oder die verschwiegen wird. Jean Baudrillard betrachtet in seinem Aufsatz "Die Präzession der Simulakra" von 1978 aus erkennt­nis­philo­sophischer Per­spek­tive den Ver­gnü­gungs­park Disney­land als "perfek­tes Modell all der ver­zwickten Ord­nungen von Simu­lakra" (Baudrillard 1978a, S. 24; orig. 1978b, S. 13). Demnach ist "das Imaginäre von Disney­land (...) weder wahr noch falsch, es ist eine Dissua­sions­maschi­ne, eine Insze­nierung zur Wieder­belebung der Fik­tion des Realen" (Baudrillard 1978a, S. 25, orig. 1978b, S. 14).
Ein nahezu per­fektes Beispiel für ein solch 'hyper­reales' Simula­krum mit seiner "Substituierung des Realen durch Zeichen des Realen" (Baudrillard 1978a, S. 9; orig. 1978b, S. 4) schildert Rey­nolds (2012) in seiner Studie zu Retro­phäno­menen in der Populär­kultur, in der ein Prota­gonist eines Rock-'n'-Roll-Revi­vals im Stil der 1950er-Jahre zu Proto­koll gibt: "'I insis­ted we do the music the way it was remem­bered instead of the way it was'" (Reynolds 2012, S. 284) – z.B. doppelt so schnell gespielt und in einem anderen Sound. Auch kollek­tive Identi­täten, so ließe sich schluss­folgern, können Retro­phänomene sein, indem sie auf Versatz­stücke der Ver­gangen­heit zurück­greifen, diese aber neu mischen und in geänderte Kontexte stellen.

Rapa Nui Isla de Pascua Osterinsel moai Ostbelgien = Rapa Nui? So ein­fach ist diese Glei­chung nicht, doch ähnelten sich in der Ver­gangen­heit die Pro­zesse der Identitäts­kon­struk­tion der "can­tons rédimés" und der "Oster­insel". Moai-Statuen, Rano Raraku, Rapa Nui (Oster­insel), Süd­pazifik.
Foto: Oliver Zöllner





 

Revival und Neuerfindung

Bel­gien ist kein Ver­gnü­gungs­park und nur begrenzt ein Phäno­men der Pop­kultur, aber: Auf die bel­gischen Ost­kantone übertragen ließe sich folgern, dass die identi­täts­orien­tier­ten Erzählungen, die in der Deutsch­sprachigen Gemeins­chaft kulmi­nieren und sich dort gleicher­maßen wie in einem Brenn­glas treffen, eine Art In-Szene-Setzung von Geschich­ten zur Wieder­bele­bung einer 'Fik­tion' darstellen, zum '(Wieder-)Be­le­ben' von etwas, das es exakt so noch nicht gegeben hat – im vorliegen­den Fall­beispiel von Bel­gien (und von "Belgitude") und zugleich einer distinkten 'ost­kantona­len' Identität. In den Ost­kanto­nen, einer 'Leer­stelle' der Identität, manifestiert sich möglicher­weise ein 'anderes Bel­gien', das es so in anderen Landes­teilen nicht gibt. Ein Blick auf die bel­gische Geschichte und die poli­tische Gegen­wart Bel­giens offenbart, dass dieser Inter­preta­tions­rahmen nicht allzu weit her­geholt ist. Belgien sucht sich (vgl. van Istendael 2011; Judt 2005, S. 708-713) und muss sich neu erfinden; ebenso ist die Deutsch­sprachige Gemein­schaft des Landes auf der Suche nach einer eige­nen Geschich­te ihrer selbst – und dies in Abgren­zung auch vom Nachbarn Deutschland (s.o.). Das Kriterium der "Selbstzuschreibung" als Ethnie ist hierbei nach Elwert (1989, S. 447) das entscheidende Defini­tions­krite­rium, kann aber ohne eine ent­sprechen­de Fremd­zuschrei­bung von außen als Erzäh­lung kaum als stabil angesehen werden. "Die Fremd­zuschrei­bung muß als Aner­kennung von Identi­tät ange­strebt werden" (ebd.).

 

2.4.2012.   Die solcher­maßen konstru­ierte Geschich­te, die 'erfun­dene Tradition' ist die Grundlage für weitere Hand­lungen im sozialen All­tag einer ethni­schen Gruppie­rung oder Nation. Alte Materia­lien oder Arte­fakte können dabei durchaus funktio­nal im Kontext neuer Zwecke oder neuer Dis­kurse verwendet werden. Im Kern erfun­dener Tradi­tionen stehen der Aufbau oder das Symboli­sieren von "social cohesion or the member­ship of groups, real or artificial commun­ities" (Hobs­bawm 1983, S. 9): mithin sind sie "exercises in social engineering" (ebd., S. 13). Scharte (2010) analysiert in seiner auf zahl­reichen Archi­valien beruhen­den Studie, wie die preußisch-deutschen Grenz­kreise Eupen und Malmedy im 19. Jahr­hundert "nationali­siert" wurden (Scharte 2010, S. 162), etwa in Form von offiziellen rituali­sierten Gedenk­festen und Denk­mälern, die den 'treuen Dienst am (deutschen) Vater­land' beschworen und Siege über den 'Erb­feind' Frank­reich feierten. Nach dem Anschluss an Bel­gien 1920, spätestens nach der erneuten Eingliederung ins Königreich 1944, mussten die deutschsprachigen Neubelgier ihr Verhältnis zur Mehr­heits­bevöl­kerung klären. Über die eigene Ver­gangen­heit unter früheren Landes­herren herrschte lange Schweigen; eine eigene, distinkte Identität war unter den Vorzeichen von Illoyali­täts­verdacht und pauschalen Kollaborationsvorwürfen nicht opportun. Es sind aber gerade Minder­heiten, von denen eine klare Identität quasi erwartet wird: "It is notorious that minority groups are seen both to have particularly coherent identities, and to find that their real identities are never­theless curiously threatened and elusive" (Chapman et al. 1989, S. 18). Denn inter­essanter­weise berührt diese Erwartung an eine abgrenzbare Identi­tät einer Minderheit zugleich den wunden Punkt des Fehlens einer defi­nierten Identität der Mehr­heits­gesell­schaft – "silence on the subject of majority identity" (ebd.). Im Falle der deutsch­sprachi­gen Bel­gier betrifft dies gleich zwei Mehr­heits­gesell­schaften: zum Einen das im politisierten Sprachen- und Kultur­streit zwischen Wallo­nen und Flamen oft para­lysiert erschein­ende Bel­gien mit seiner oft schwer zu fassen­den Identi­tät (vgl. van Istendael 2011, S. 11-13) – und zum Ande­ren das 'lingu­isti­sche Mutter­land' Deutsch­land, dessen Identi­täts­diskurse regel­mäßig um seinen histo­risch abge­schlossenen, als Topos aller­dings stets wieder in Erinnerung geruf­enen aggressi­ven Natio­nalis­mus (vor allem im Wilhel­mini­schen Kaiser­reich 1871-1918 und während der national­sozialis­tischen Diktatur 1933-45) mit seinen aus­grenzenden Eigen­schaften kreisen. In einer solchen Situa­tion unklarer Identi­tät kommt oft "the redis­covery or the search for roots" (Hall 1991b, S. 52) zum Tragen. Was oder wie ist das Eigene, wohin gehört man?

Belgitude, German­ness

Was ist Belgien? Belgiens "Marken­kern" – um einen Aus­druck aus dem Market­ing und dem Brand­ing zu ver­wenden – ist un­scharf (vgl. Stich­ting Marketing 2010; ab Iago 2006). "Belgium branding is a global scandal. As a result of divisive politics, Belgium's brand equity is being squandered" (Simon Anholt zit. n. ab Iago 2006). Die Ver­säulung und Zerfase­rung des pronon­ciert föderalen Landes ver­deckt eine gemein­same Identi­tät.

Belgische Flagge vor dem Eupener Rathaus Also singen wir dreisprachig die Hymne: "O Belgique, ô mère chérie... – O dierbaar België, o heilig land der vaad'ren... – O liebes Land, o Belgiens Erde...". Dazu weht: die bel­gische Flagge (hier vor dem Eupener Rat­haus).
Foto: Oliver Zöllner

Bel­gien hat in den letzten Jahr­zehnten vor dem Hinter­grund des flä­misch-wallo­nischen Sprachen­streits (vgl. Judt 2005, S. 710-712) eine Kultur des Aus­handelns, Aus­tarierens von Inter­essen entwickelt, bei der die beiden Mehr­heits-Sprach­gruppen in sepa­raten Öffent­lichkei­ten agieren. Die linguisti­schen Gruppen grenzen sich von­einander ab, zugleich aber auch von den sprach­lich jeweils verwandten Nachbar­ländern. Eine wesent­liche Mobili­sierungs­kraft in Bel­gien ist die Regio­nali­sierung (Cartrite 2002).

"Belgien ist der Zusammen­schluß zweier, oder besser dreier (wenn man die kleine deutsch­sprachige Gemein­schaft, die die Ost­kantone des Landes bewohnt, dazu­rechnet) sprach­licher und kultu­reller Identi­täten. Das Problem liegt nun darin festzu­stellen, ob es dieser Zusammen­schluß ist, aus dem sich eine neue, "bel­gische" Kultur heraus­bildet, oder ob sich diese neue Identi­tät nur aus dem Mangel, nach dem Modus "weder/noch" (weder flä­misch, noch franko­phon) entwickelt" (Govaert 1998, S. 3).

Das gemeinsam "Bel­gische", die "Belgitude", ist eher im Sich-Einrich­ten im Kompro­miss, im gelegent­lich anarchi­schen Durch­lavieren zu finden (Van De Craen 2002, S. 33; Förster 2012). "Belgitude" erscheint als die "Fähigkeit, sich selbst zu relativieren (...)" (Hertmans 2016, S. 11), die eigene Nation und die eigenen Befindlichkeiten nicht zu hoch zu hängen oder zu überhöhen. "Only sporadi­cally patri­otic, yet almost con­stantly on the verge of a lingu­istic break­down, [Belgian society] has fewer and fewer unify­ing myths or frames of refe­rence" (Labio 2002, S. 1). Posi­tiver ausge­drückt erscheint Belgien aber auch als "a modern nation with a sophisticatedly multiple identity" (Van Berlo 2006, S. 38). Was Belgier vereint, ist ihre Verach­tung korrupter Behörden und inkompe­tenter Politiker, die den Sprachen­streit vor allem für eigene Macht­interessen missbrauchen und den Staat und sein Verwaltungshandeln teilweise lahmlegen. Belgier zu sein heißt vor diesem Hintergrund, sich der offiziellen Identitätskonstruktion zu widersetzen (Van Den Abbeele 2004). Belgien ist somit ein Beispiel für einen "post-nationalen" Staat, der sich mit anderen Attributen definiert als einer einheitlichen Sprache: "(...) states (...) can conceivably find ways of continuing without nationhood, and might find other ways of establishing their worth (...)" (Hannerz 1996, S. 81f.). 'Belgitude' ist möglicherweise im Unfertigen, Ungeordneten begründet, im "Dazwischen". Auch dies ist ein Abgrenzungsprozess, bei dem das Unordentliche das 'Eigene' ist.

Ebenso ist zu fragen: Was ist Deutsch­land, was ist deutsch? Für Deutsch­land ist – anders als für Bel­gien – das Kon­zept einer multiplen und quasi dezentralen Identi­tät noch relativ neu, worauf von Zeit zu Zeit auf­kommende Debatten um das Themen­feld "deutsche Leitkultur" verweisen; die deutsche Identi­tät ist unklar. Eine kultur­anthropo­logische Studie über "Germanness" von 1989 argumentiert:

"Despite the view from without, the German case demonstrates that majority cultural status does not necessarily confer an ethnic identity that is dominant, or even secure. On the contrary, German­ness as experienced from within has a fragile, ambi­guous quality that Germans themselves find highly problematic" (Forsythe 1989, S. 137f.).

Als selbst­zugeschriebene Kern­charakteris­tika deut­scher Identi­tät erscheinen "cleanli­ness, stability, White­ness, Christia­nity, familia­rity, and reliability (...). In short, G­erman­ness is very concerned with order" (ebd., S. 151, 150). Ordnung steht im Mittel­punkt.

Soda fountain 'El Alemán' in Chile's capital, Santiago (2004) Das Deutsche als ironi­sche Chiffre, welt­weit les­bar: "El Alemán", eine Ge­tränke- und Sand­wich­bar in Santiago de Chile.
Foto: Oliver Zöllner



Das Fremde ist das Dunkle, Unsaubere, Unor­dentliche: die Bedrohung. "German­ness" ist vor allem als Abgren­zung ("boundary-draw­ing in a cultural and social sense") konzi­piert (ebd., S. 150), bei dem allerdings das Unordent­liche das 'Fremde' und somit Bedohliche ist.

Die Identität der deutsch­sprachigen Bel­gier ist ebenso Resul­tat eines Abgren­zungs­prozesses. Diese Abgrenzung geht vor allem in Richtung Wallonie (die franko­phone Region, der die DG terri­torial zugehört) und Deutschland (das Land, dem die Bewoh­ner des Gebiets zwischen Eupen und Sankt Vith einst zugehörten). Der Ostbelgier Dirk Schleihs bezeich­net sich in einem Sammel­band des Eupener Grenz-Echo-Verlags zur ostbel­gischen Identi­tät vor allem als Nicht-Deutscher und Nicht-Wallone, aber Belgier: "Wir sind keine Deutschen mehr! Man findet deutsche Kultur, aber auch eine starke Zugehörig­keit zum König­reich und zu einigen seiner Facetten" (Schleihs 2003, S. 31). Michael Dujar­din berichtet in dem selben Band "vom Undasein" zwischen und jenseits aller Kate­gorien, die Belgien zu bieten hat (Dujardin 2003). Solche Beschrei­bungen der kollek­tiven Eigen­identi­tät decken sich mit Äußerungen der offi­ziellen Ebene. So sagt der Minis­terpräsi­dent der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft, Karl-Heinz Lambertz, in einem Inter­view: "'Today, German-speaking Bel­gians are especially good at know­ing what they are not. And they are not Walloons. But they're not Germans either'" (engl. zit. nach Dams 2011).
Die Identität als deutsch­sprachiger Bel­gier könnte demnach als ein Zwischen- oder Schwellen­zustand charakte­risiert werden, was der Ethnologe Victor W. Turner (1969, S. 95; 2008) mit Blick auf Übergangs­rituale in prästruktu­rierten Gesell­schafts­formen auch als "limina­lity" bezeich­net hat, als Zustand "betwixt and between". In einem solchen Zwischen­raum, in dieser Leere (die teil­weise auch ein Schweigen über die eigene Ver­gangen­heit ist) können Narra­tive gebildet werden, die die Gruppe der deutsch­sprachigen Bel­gier neu definiert. In solchen rück­ver­sich­ern­den Narra­tiven oder Mythen wird Geschichte rekon­struiert, wie oben bereits ausge­führt worden ist. "Menschen geben den Ereig­nissen Sinn, indem sie sie in die Form von Erzäh­lungen bringen – als 'Ge­schich­te' ordnen" (Elwert 1989, S. 441); "etwas Zufälliges" soll so als "etwas Ewiges" begrün­det werden (Barthes 2010, S. 294f.). In der großen Erzählung, im Mythos verlieren die Dinge "die Erinnerung daran, daß sie hergestellt worden sind" (ebd., S. 295), aber im All­tag begegnen uns die Arte­fakte dieser Histori­zität, mit denen sich die Pro­zesse des Sich-so-Erinnern-Wollens rekon­stru­ieren lassen. In den Wor­ten von DG-Minister­prä­si­dent Karl-Heinz Lam­bertz: "(...) identi­teits­vorming is geen een­duidig pro­ces. (...) de DG is geen histo­risch ge­groeide een­heid, ze be­staat pas sinds 1920" (ndl. zit. nach Wense­laers 2008, S. 177). Die Identi­tät der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens ist also noch dabei, sich zu formen.

Eine Umfrage der belgischen Linguis­tin Anneleen Vanden Boer vom Herbst 2008 unter deutsch­sprachigen Belgiern, die im Gebiet der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft leben (schriftliche Befragung; selbstselektive, nicht repräsen­tative Stich­probe, n = 768), kommt zu dem Ergebnis, dass es nicht zuletzt die Polyglottie ist, die innerhalb der DG identitäts­stiftend ist: "'Mehrsprachig­keit betrachten die Deutsch­sprachigen als Teil ihrer Identität'" (zit. nach Schmitz 2012). Bemerkens­wert sind die Antworten auf einige (durchaus provokante) Fragen, die Präferenzen staatlicher Zugehörig­keit betreffen:

"Auf die Frage 'Wohin mit der DG nach einer Spaltung Belgiens?' wählen 11,1% der befragten deutsch­sprachigen Belgier aus der DG die Wallonie; 45,5% wählen das Groß­herzog­tum Luxem­burg. 20,6% entscheiden sich für einen unabhängigen Staat. Es ergibt sich ein entschei­dender Unter­schied zu den Ant­worten einer Grenz-Echo-Studie von 1992: Damals entschie­den sich noch 48% für Wallo­nien und nur 22% bevor­zugten das Großher­zogtum" (Schmitz 2012; vgl. Vanden Boer 2011; 2012a).

Und auch dieses Umfrage­teil­ergebnis, das die Forscherin Anfang 2012 im Parla­ment der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft vorstellte, ist mit Blick auf die regionale Identität bzw. nationale Loyalität der deutsch­sprachigen Belgier von Interesse:

"'Während die bel­gische Identi­tät bei den älteren Genera­tionen noch sehr stark ist, nimmt sie in den jüngeren Genera­tionen der DG signifi­kant ab. Im Kanton St.Vith wird ein mit Flamen und Wallonen vergleichbares Niveau erreicht (...). Der moderne deutschsprachige Belgier verfügt über eine Multi-Identität. Das 'Belgier-sein' ist nur ein Bruchteil davon'" (Anneleen Vanden Boer zit. nach Schmitz 2012; vgl. Vanden Boer 2012a).

Die Frage, was ein einendes Merkmal aller Belgier – ganz gleich ob franzö­sisch-, nieder­län­disch- oder deutsch­sprachig – sein könnte, was also 'Belgitude' ausmacht, erscheint nach wie vor unklar. Die identitäre Abgrenzung speziell der deutsch­sprachigen Bel­gier, so viel wird deutlich, erfolgt allerdings nicht nur gegenüber Belgien, sondern auch mit Blick auf Deutsch­land und die Deutschen. Der Prozess der Aushand­lung dessen, was den deutsch­sprachigen Bel­giern 'Heimat' ist, ist offenbar im Umbruch und zuneh­mend von Regionalis­men geprägt. Die "letzten Belgier", wie die Deutsch­sprachigen klischee­haft oft genannt werden, sind vielleicht keine, folgt man den soeben refe­rierten Ergeb­nissen.

Heimat?

10.4.2012.  "Was ist Heimat?", fragt das deutsche Wochen­magazin Der Spiegel in einer Titel­story (Heft 15/2012) und begibt sich auf "Spurensuche in Deutschland" – bezeich­nender­weise mit elf regional unter­schied­lich gestal­teten Titel­motiven (Baju­waren mit krach­ledernen Trachten für Bayern, die Ruhr bei Hattingen für Nord­rhein-West­falen, Elbauen mit Dresden-Panorama für Sachsen usw.). Jeder Region ihr eigenes Titelmotiv; keine "Heimat", auf die sich alle einigen könnten? Offenbar schwingt in diesem Regio­nalismus auch eine Absage an die nationale Ebene, an die Nation mit, wie ein Essay an der Süddeutschen Zeitung aus dem selben Jahr darlegt: "Die Deutschen, das haben die letzten Jahr­zehnte gezeigt, bringen auch beim besten Wollen ihrer Ideologie­fabri­kanten einfach kein National­bewusst­sein mehr zustande. (...) Das Regio­nale hat sich als weit erfolg­reicher als jeder Nationa­lismus erwiesen" (Winkler 2012, S. V2/1).

Images of Homeland... Images of Heimat. "The archetype is a retrieved awareness or consciousness. It is consequently a retrieved cliché – an old cliché retrieved by a new cliché" (McLuhan 1970, S. 21).
Foto­collage/Bear­beitung: Oliver Zöllner


"Heimat bleibt ein Thema für die Deutschen, ein schwieriges Thema" (Kurbjuweit 2012, S. 62). Denn: "Kaum ein anderes Thema wird vom Klischee so verzerrt, vom Kitsch so unsäg­lich gemacht; keine Liebe wird so scham­los ausge­beutet wie die zur Heimat" (von Krockow 1989, S. 66). Der Begriff an sich ist – nach dem Missbrauch durch den National­sozialis­mus – geradezu verdächtig. "Home, homeland, Heimat. It is around the meaning of European culture and identity in the new global context that this image – this nostalgia, this aspi­ration – has become polemically activated", schreiben David Mor­ley und Kevin Robins in ihrem Buch­kapitel "No Place Like Heimat: Images of Home(land)" (Morley/Robins 1995, S. 87). Die "Heimat" bleibt um­strittenes Terrain, zumal in der Moderne mit ihren transnationalen Verbindungen, in denen der Nationalstaat teils in Frage gestellt wird, teils aber auch (und dies vor allem in globaler Perspektive) stark erscheint wie lange nicht.

In den "kollektiven Heimatbegriff" der Deutschen eingeflossen sind Topoi wie "Natur, Dorf, Familie, Schönheit, Gemein­schaft, Einfachheit" (Kurbjuweit 2012, S. 62): eine Sehnsucht, die oft der Lokalität verhaftet ist – einer Ortsverbundenheit, die selbst wiederum oft genug von der Ortlosigkeit des Internetzeitalters bedroht scheint. Im Kern ist "Heimat" ein Abgrenzungs­prozess: was und wer gehört dazu, was und wer nicht? Gerade am deutschen Fall­beispiel wird deutlich: "The romantic utopia of Heimat, with all its conno­tations of remem­brance and long­ing has been about reconnect­ing with a national heritage and history" (Morley/Robins 1995, S. 101).

"The homeland is not waiting back there for the new ethnics to redis­cover it. There is a past to be learned about, but the past is now seen, and has to be grasped, as a history, as some­thing that has to be told. It is narrated. It is grasped through memory. It is grasped through desire. It is grasped through recon­struction" (Hall 1991a, S. 38).

Heimat erscheint demnach als eine Erzählung, als eine erzählte Geschichte. Sie soll eines nicht sein: eine bloße "Tapete" (Gorkow 2012, S. 19) – eine Pro­jektion von Staffagen also. Fragen nach der Authenti­zität eines Heimat­konstrukts stehen in einem solchen Kontext im Mittel­punkt der Betrachtung. Heimat kann fragil sein und individuell in Frage gestellt werden (vgl. Nakschbandi 2013). Im Kern ist Heimat somit ein Vorstellungs­prozess, in dem eine Wunsch­welt zum Ausdruck kommt, wie Peter Blickle schreibt: "Heimat (...) is imagistically structured, close to primary processes; it is an irrational wish-fulfillment" (Blickle 2002, S. 20). 'Authentische' Heimaten erscheinen somit fragwürdig. Morley und Robins kommen denn auch zu einem skeptischen Fazit:

"There can be no recovery of an authentic cultural home­land. (...) In this world, there is no longer any place like Heimat. More significant, for European cultures and identities now, is the experience of displace­ment and transition. (...) What is most important is to live and work with this with this disjuncture and ambivalence. Identity must live out of this tension" (Morley/Robins 1995, S. 103f.).

Im Falle der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens lässt sich durchaus ein Einrichten im Regiona­lismus beobachten. Dieser Regiona­lismus ist aber ein anderer als der etwa in Deutsch­land, indem er sich zwischen Abgrenzung von einem über­großen, kulturell hegemonialen Nachbarn (Deutschland) auf der einen Seite, der Betonung der Zugehö­rigkeit zu einer anderen, in sich wiederum zwiespältigen Nation (Belgien) auf der anderen Seite und einem Streben nach Selbst­behaup­tung und Auto­nomie irgendwo in der Mitte bewegt. Im Spannungs­feld dieses Daseins zwischen zwei Ländern oder Kulturen scheinen die deutsch­sprachigen Ostbelgier bisher keine "belast­bare kollek­tive Identi­tät" hervor­gebracht bzw. konstruiert zu haben (Cre­mer 2012, S. 141; s.o). Die postnationale Entität "Deutsch­sprachige Gemein­schaft Bel­giens" bietet aber zumindest, als selbst­titulierte "Gemeinschaft", die Möglichkeit von "Brüder­lichkeit", wie sie der Kultur­wissen­schaftler Ulf Hannerz beschreibt: "Those living are of one large family. Yet this is made clear (...) through shared symbolic references to the past, to the ancestors held in common" (Hannerz 1996, S. 83). Im größeren Kontext der Globali­sierung kann dieser Rückgriff auf die Vergangen­heit in Form neuer/alter Identi­täten innerhalb von National­staaten als "lokales" Phänomen verstanden werden, das nach der Logik des "Globalen" funktioniert, indem es sich (paradoxerweise) als "heimatlose Heimat", als dislozierter locus präsentiert:

"[G]lobalization seems (...) to have led to a strengthening of 'local' allegiances and identities within nation-states; though this may be deceptive, since the strengthening of 'the local' is probably less the revival of the stable identities of 'locally settled communities' of the past, and more that tricky version of 'the local' which operates within, and has been thoroughly reshaped by 'the global' and operates largely within its logic" (Hall 1993, S. 354).

Oft ist es die Peripherie von National­staaten, an der sich dieser paradoxe Bruch – ein Resultat der Moderne – besonders deutlich zeigt. Hier manifes­tieren sich Autonomie­bestre­bungen von Min­der­heiten wie auch gegen­läufige Zentrali­sierungs­tendenzen des National­staates, Einwanderung von außen wie auch Beharrungs­neigungen der Altein­gesessenen.

"Heimat ist immer die räumliche Verdichtung von Autochthonem und Allochthonem, von Vertrautem und Exotischem, von Bekanntem und Adaptiertem" (Mittelstädt 2013, S. N5).

Diese neuartige Bricolage führt in einigen Fällen zu Reibungen und Spannungen, was aktuell auch in einer größeren, europäischen Perspektive zu sehen ist: Nicht nur Wallonen und Flamen und deutsch­sprachige Belgier besinnen sich einer eigenen Identität, sondern auch Katalanen, Basken, Nordiren, Schotten, Bretonen, Korsen, Südtiroler und andere mehr, wie der Historiker Carlos Collado Seidel in einem Essay festhält:

"Der bequeme Blick, die Nationalstaaten Europas als natürlichen Endpunkt einer langen Entwicklung zu betrachten, erweist sich als Trugbild. Die Staaten höhlen sich mit der Kompetenz­übertragung auf [die] europä­ische Ebene aus und werden in der Wahrneh­mung vieler obsolet. (...) Die Sehn­sucht nach einer kollektiven Identität lenkt die Aufmerk­samkeit auf infra­nationale Ebenen, eben auf jene des häufig belächelten 'Europas der Regionen'" (Collado Seidel 2012, S. 2).

Heimat!

13.4.2012  In der Aus­gabe des Eupener "Grenz-Echos" (85. Jahr­gang, Nr. 87) dieses Tages ist auf der Titel­seite ein Artikel mit Eifeler Lokal­bezug der Auf­macher: "Doppel­häuser bleiben in der Eifel verpönt"; das groß­formatige Farb­foto dazu zeigt eine auf­fallend banale und öd wir­kende Auf­nahme aus dem kleinen Dorf Born (Gemeinde Amel) im Süden der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft.

Zeitung Grenz-Echo Eupen Belgien Der Titel­kopf des "Grenz-Echos" vom 13.4.2012
Foto/Bearbeitung: Oliver Zöllner


Der Kader zeigt im Vorder­grund die leere, graue, saubere Dorf­straße, auf der rechten Bild­seite flan­kiert von einem Baum­stamm und dem Orts­ausgangs­schild. Auf der linken Straßen­seite sieht man zwei frei­stehende weiße Häuser (das äußerst linke ist bereits von der Kadrie­rung ange­schnitten). Zwischen ihnen liegt eine sanft anstei­gende grüne Wiese mit einigen Bäumen am Hori­zont, darüber der leicht bewölkte blaue Himmel. Men­schen oder Autos sind keine zu sehen; Himmel und Dorf­straße neh­men zusammen etwa 70 Pro­zent des Bildes ein, was den leb­losen, stati­schen Ein­druck der Auf­nahme erklärt. Der dazuge­hörende Artikel, der auf Seite 15 fort­gesetzt wird, erscheint als echter Auf­reger: "Die zuneh­mend strengen urbanis­tischen Auf­lagen für Grund­stücks­erschlie­ßungen sorgen vor allem in der Eifel dafür, dass die Gemein­den selbst auf ver­gleichs­weise günstig ange­botenen Bau­stellen buch­stäb­lich sitzen bleiben." Der Grund hierfür ist der Zei­tung zufolge eine Vor­schrift, nach der zwei Drittel der zu bebau­enden Par­zellen­flächen für Doppel- und Drei­fassaden­häuser ausge­wiesen sein müssen. Aller­dings zeige "die Praxis, dass gerade im Süden der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft der Wunsch nach einem frei­stehenden Eigen­heim unver­ändert groß ist." Die Kommu­nal­politiker (exem­plarisch hier die von Amel) haderten nun "mit dem wallo­nischen Gesetz­geber: 'In Namur [der Haupt­stadt der Wallo­nie] wird der Tat­sache, dass Reihen­häuser in der Eifel ganz einfach keine Tradi­tion haben, leider nicht im Gering­sten Rech­nung getragen', so Bürger­meister Klaus Schu­macher (...)" gegenüber der Lokal­zeitung.

Am Artikel im "Grenz-Echo" vom 13.4. ist auf­schluss­reich, wie er ein Thema der kollek­tiven regio­nalen Identi­tät aufgreift. Die Mit­glieder der deutsch­sprachigen Gemein­den erkennen die Doppel- und Drei­fach­häuser als das, was sie in der Eifel sind: "ver­pönt", etymo­logisch also 'bei Strafe verboten', von der Gesell­schaft uner­wünscht, 'nicht statt­haft' (lat. poena: Strafe). Die Szene aus Born ist ohne Umstände als typisch für die 'Heimat' erkenn­bar, als 'das Eigene', die Tradi­tion; Grenz-Echodie wallo­nischen Büro­kraten in Namur und ihre Legis­lation dagegen erschei­nen als 'das Fremde', 'Einge­drungene', der lokalen Tradi­tion gegenüber Igno­rante. Am Ende des Haupt­artikels (auf S. 15) bekommt dieser regiona­listi­sche Topos noch einen politi­schen Dreh: "Vor diesem Hinter­grund erhoffen sich die Ameler Ent­scheidungs­träger eine baldige Über­tragung der Zuständig­keit für die Raum­ordnung von Namur an die DG, 'da man in Eupen sicherlich mehr Verständ­nis für die Sorgen und Nöte der hiesi­gen Bau­herren haben dürfte'". Die Identi­täts­frage wird hier also mit der Forde­rung nach mehr Auto­nomie für die Deutsch­sprachigen verknüpft. "Heimat" als Abgren­zungs­prozess?

Rechts: Born bei Amel. Doppel- und Drei­fassaden­häuser nach wallo­nischer Art sind hier "ver­pönt". Foto­aufmacher des "Grenz-Echos" vom 13.4.2012, Seite 1.
Scan/Bearbeitung: Oliver Zöllner

"The roman­tic utopia of Heimat (...) has been about re­connect­ing with a national heritage and history", wie Morley und Robins (1995, S. 101) es formu­lieren, wie weiter oben bereits ausge­führt worden ist. Selten wird dieses mythisch-roman­tische Prinzip der Abgren­zung so deut­lich wie in diesem alltäg­lichen, banalen Zeitungs­artikel über ganz offen­sichtlich "traditionelle", frei­stehende, weiße Ein­familien­häuser in sanft gewellter grüner Hügel­land­schaft: So hat man in der Eifel "immer schon" gelebt; wer das nicht ver­steht (so wie "Namur"), wird mit Strafe belegt. Die bel­gische West­eifel erscheint als kleine, selbst­bezüg­liche Welt; Luxem­burg und sein Landes­motto "Mir wölle bleiwe wat mir sin" sind nicht weit.

Neutrale Zone, belgisiert

Fahrten nach Eupen, Lontzen und Kelmis/La Cala­mine, ent­lang der deutsch-franzö­sischen Sprach­grenze. Kelmis im Norden der der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft ist für Kommuni­kations­wissen­schaft­ler von besonderem Reiz, denn hier wurde 1890 Emil Dovifat geboren, der spätere Zeitungs­wissen­schaft­ler und Lehr­stuhl­inhaber in Berlin, einer der Grün­dungs­väter der deut­schen Publi­zistik­wissen­schaft. Die Gemeinde Kelmis hieß damals noch Neutral-Mores­net und war – ein euro­päi­sches Kurio­sum – von 1815 bis 1919 eine staaten­lose, binational verwaltete Puffer­zone zunächst zwischen den Vereinig­ten Nieder­landen und Preußen, später dann zwischen dem König­reich Bel­gien und dem Deut­schen Reich. 1920 wurde es, zusammen mit Eupen, Malmedy und Sankt Vith, Belgien zugeschlagen. Heute ist die Gemeinde zwei­sprachig. Am Rat­haus, einem Ziegel­stein­bau­werk mit klassi­zisti­scher Formen­sprache aus der Mitte des 19. Jahr­hunderts, ist das Giebel­feld des Portikus aufschluss­reich: 1952 wurde dort das Königs­wappen stuckiert eingefügt, umrahmt vom Landes­motto "L'union fait la force" (Einig­keit macht stark).

Kelmis Kriegsdenkmal Kelmis Kriegsdenkmal
Rechts: Kriegs­denkmal (Ent­wurf: Jean Pir­nay/Ch. Dos­sogne, 1948/49), Sockel und Situ­ation. Kel­mis, Kirch­platz.
Fotos: Oliver Zöllner


Die Ortsmitte wird von einem Erinne­rungs­diskurs geprägt, der um Krieg kreist: Schräg gegen­über vom Gemeinde­haus, in Portal­vorbau der Mariä-Himmel­fahrts-Kirche, erinnert eine steinerne Tafel in deutscher Sprache an die Kelmiser Kriegs­toten von 1914-18 – unabhängig von ihrer Armee­zugehörig­keit. (In Neutral-Moresnet gab es bezeich­nender­weise keine Wehrpflicht, die Gefallenen aus der Gemeinde waren also Kriegs­freiwillige). Auf dem Kirch­platz erinnert ein heroisch-monumen­tales Sieges­denkmal von 1948/49 in französischer Sprache an die für das (bel­gische) Vater­land gestor­bene Kelmi­ser ("Recon­naissan­ce aux Cala­minois morts pour la Patrie") aus beiden Welt­kriegen (nach bel­gischer Lesart: "1914-18" / "1940-45"). Gekrönt wird das Denkmal von einer fackel­tragenden Sieges­figur. Es wird links und rechts von je zwei beflagg­ten Masten mit der Natio­nal- und der Stadt­fahnen ge­rahmt. Nachträglich (1970 bzw. 1995) am Denkmal angebracht wurden Inschriften, die an 25 bzw. 50 Jahre Frieden in der Region erinnern. So langen Frieden gab es hier nicht oft.

Plakette Koenigsdynastie Kelmis Links: Gedenk­tafel mit Ehr­erwei­sung ans bel­gische Königs­haus: "Unsere Dynas­tie". Kel­mis, Kirch­platz.
Foto: Oliver Zöllner


Kaum 80 Meter entfernt, in einem kleinen, etwas deplat­ziert wir­kenden Beet vor dem Super­markt und einigen Laden­lokalen, finden sich weitere Spuren belgisch-nationaler Erinne­rungs­ikono­graphie. Eine kleine Plakette, von den bel­gischen National­farben umrahmt, an einer sehr niedrigen stein­ernen Stele widmet einen (kaum zu identi­fi­zierenden) Baum 1999 dem Regenten, König Albert II (zwei­sprachige Inschrift: "Baum des Königs / Arbre du Roi"). Rechts daneben erweist eine metallene Gedenk­tafel an einem etwas größeren Stein dem belgischen Königs­haus Respekt ("A notre / Unsere / DYNASTIE / en hommage / in Ehre", gefolgt von den Namen und Lebens­daten der bel­gischen Könige seit Staats­gründung 1830: Léopold I., Léopold II., Albert I., Léopold III., Baudouin I., Albert II., sämtlich übrigens aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha stammend.
Kelmis Koenigsbaum Kelmis Koenigsdenkmal
Rechts: Das Königs­denk­mal und der "Baum des Kö­nigs" vor dem Super­markt. Kel­mis, Kirch­platz.
"Es ver­steht sich von selbst, daß der Mythos zur Defor­mation seines Objekts viel weni­ger Auf­wand betrei­ben muß, wenn es sich um einen Baum handelt (...)" (Barthes 2010, S. 297).

Fotos: Oliver Zöllner


Rechts neben dem Denk­mal zu Ehren der Dynas­tie findet sich ein weiterer Stein mit einer kleinen franzö­sisch­sprachigen Gedenk­tafel des bel­gischen Kriegs­frei­willigen­ver­bands "Fédéra­tion Natio­nale des Volon­taires de Guerre": "Gloire à nos volon­taires de guerre / 1914-18 / 1940-45 / FNVG La Calamine". Der Riss, wer in den Kriegen, ob freiwillig oder unfreiwillig, auf welcher Seite gekämpft hatte, ging noch lange durch viele Familien.

Wieso verwundert dieses vorgefundene nationale Gedenkdiskurs-Ensemble im freundlichen Örtchen Kelmis so? Die Idee der Nation, so schreibt Roland Barthes in den 1950er-Jahren, war nach der Französi­schen Revo­lution "eine fort­schritt­liche Idee, die dazu diente, die Aristo­kratie auszu­schalten" (Barthes 2010, S. 289f.). Auf dem Kelmiser Kirch­platz begegnet uns die (belgische) Nation in geballter royalisti­scher Manifes­tation: als vater­ländisches Krieger­denkmal, als Veteranen­gedenk­stein, als "Baum des Königs", als Hommage an "unsere Dynastie". Hier ist die Aristo­kratie nicht ausge­schaltet, sondern erscheint als Teil einer Insze­nierung des "bana­len Nationa­lismus": "The thesis of banal national­ism suggests that nation­hood is near the surface of contem­porary life" (Billig 1995, S. 93). Die Zurschau­stellung einer (in anderen parlamen­tarischen Monar­chien Europas so kaum noch zele­brierten) Unter­tanen­treue und einer ostentativ unzweifelhaften Loyalität zu Belgien und seiner Königsdynastie ist genauso banal wie instruktiv. "Das belgische Königs­haus (...) ist von Haus aus von Sachsen-Coburg-Gotha, was vielleicht erklärt, warum (...) Nibe­lungen­treue als Begriff besser passt, als uns lieb ist", schreibt Michael Dujardin über das "Unda­sein" als deutsch­sprachiger Belgier (Dujardin 2003, S. 56). Die Nation findet sich am Kelmiser Kirchplatz in ihrem ("unserem") Königshaus, als habe diese Dynastie seit ihrem Bestehen "schon immer" über Kelmis geherrscht. Die dynastische Abkunft der königlichen Familie aus einer Nebenlinie der (deutschen) Wettiner wird ent-redet, die spezifische präbelgische Lokalgeschichte von Kelmis (ehedem Neutral-Moresnet) verdeckt. Wir finden hier eine zugleich wahre und unwahre Geschichte im Sinne Barthes' vor: einen Mythos des sublimiert Belgischen, einen Mythos des Zusammenhalts, komme da, was wolle; gleichzeitig aber auch eine Geschichte der (teilweisen) Subver­sion dieses nationalen ­Pathos vermittels seiner Profanisierung: auf einem Supermarkt-Parkplatz. Auch dieses Anarchische, sich selbst in Frage Stellende, ist Belgien. Die deutsch­sprachigen Belgier stecken mittendrin.

Ethnizität und Diaspora

19.5.2012.  Inwieweit sind die deutsch­sprachigen Belgier, die in Kelmis per Monu­mentali­sie­rung so osten­tativ ihre Zuge­hörig­keit zum König­reich betonen und in anderen Arte­fakten ihrer Selbst­darstellung ihren auto­nomen Charakter (als Deutsch­sprachige Gemein­schaft Bel­giens) hervor­heben, als eine dis­tinkte "ethnische" Gruppe auf­zufassen? Diese Frage ist nicht leicht zu beant­worten. Der Begriff der "Ethni­zität", der sich im späten 20. Jahr­hundert in der Ethno­logie und Kultur­anthropo­logie durch­gesetzt hat, ist proble­matisch genug. Ihm ging der Begriff des "Volks­tums" und damit der "Völker­kunde" voraus, die nach den (teils romantisch, teils "rassisch" begründeten) ursprünglichen Kern­charak­teris­tika und -traditi­onen einer Bevölkerungs­gruppe, ihrer identitären "Essenz" suchte. Diese sollte sich finden lassen in Artefakten wie Liedern, Sagen, Märchen, Trachten usw.; ließen sich solche nicht oder nicht mehr nach­weisen, wurden sie im beginnenden Zeitalter des Nationa­lismus (ab dem späten 18. Jahr­hundert) gelegentlich auch erfunden, wie etwa Hobs­bawm und Ranger (1983) nachweisen (s.o.) oder, wie Spreckelsen (2012) mit Blick auf deutsche "Volks­lieder" im frühen 19. Jahr­hundert darlegt, dem Zeit­geist ange­passt stark verändert - "auch aus dem Gefühl heraus, eine authen­tische, ‚reine' Version dessen herzu­stellen, was [die Dichter Achim von Arnim und Clemens Brentano] unsicher über­liefert vorgefunden hatten" (Spreckel­sen 2012, S. 57).

Diese Suche nach der "reinen" Essenz – quasi der "primordialen Identiät" (s.o.) – einer Bevölkerungsgruppe (die später etwa vom deutschen National­sozia­lismus zur mörde­rischen "Blut-und-Boden"-Staatsideologie erhoben werden sollte und im Verlauf des 20. Jahrhunderts argumen­tative Grundlage weiterer Vertrei­bungen und Genozide war; vgl. die Beiträge in Allen/Sea­ton 1999 sowie auch Ther 2011) steht einer ungezwungenen Verwendung des Konzepts der "Ethni­zität" oder der "ethnischen Gruppe" entgegen (vgl. Eide 2010; Tedlock 2003): Begriffe wie "Ethnie" und "ethnisch" dienen – jedenfalls außerhalb wissen­schaft­licher ethno­logischer Dis­kurse – oft unre­flek­tiert der Markie­rung von essen­zia­listischer "Anders­artigkeit", von "Othering", von Nicht-Zugehörig­keit, dabei von der Posi­tion einer hege­monialen Refe­renz­gruppe ausgehend. (Der Autor dieser Zeilen hat 2005 in einem New Yorker Drogeriemarkt sogar eine so ausge­schilderte Abteilung "Ethnic shampoo" entdeckt. Welche Kunden­gruppen sollten hier ange­sprochen bzw. markiert werden?)
Wie Jean Seaton (1999) mit einer Mischung aus Polemik und Ironie anmerkt: "Oh those unspeak­able Serbs! And then there are the envious Hutsis and the arrogant Tutsis, not to mention the aggressive Dinka" (Seaton 1999, S. 43): Ethnien sind das Resul­tat von Konstruk­tions­prozessen, die nicht zuletzt auf Stereotype zurück­gehen. Mit ihrem Fokus auf kollek­tiv ange­nommene Essen­zialitäten von Bevöl­kerungs­gruppen ist Ethni­zität eher auf Konstanz und Stabili­tät von Situationen ausgerichtet. Für Fallbei­spiele, in denen ein hoher Grad der Veränder­lich­keit anzunehmen ist (etwa bei Bevöl­kerungs­mobilt­tät, Auswan­derungs­bestre­bungen oder Grenz­verschie­bungen, d.h. Situationen des Staaten­wechsels und des rapiden, auch erzwungenen Gesell­schafts­wandels, wie ihm z.B. die deutsch­sprachigen Belgier im 20. Jahr­hundert mehrfach unter­worfen waren), greift der Begriff der Ethni­zität oft entwe­der zu kurz oder sugge­riert vor­schnell eine wie auch immer gear­tete essenzia­listische Kollektiv­identität, die nur schwer beleg­bar ist. Vor diesem Hinter­grund plädieren Storm-Mathisen und Helle-Valle (2008) dafür, den Begriff und das Konzept "Ethni­zität" durch den neutra­leren Terminus "Diaspora" zu ersetzen.

"[U]sing 'diaspora' might be more fruit­ful than us­ing the term 'ethni­city'. While the latter almost by necessi­ty points toward a group or cate­gory of people with (assumed) com­mon traits (…) 'diaspora' focuses on the prac­tical situa­tions certain people are in. The term points to how people are (…) rooted in two diffe­rent countries/pla­ces but without imply­ing any­thing about their belong­ing to a speci­fic eth­nic group" (Storm-Mathisen/Helle-Valle 2008, S. 56).

Der Begriff "Diaspora", der ursprüng­lich das Resultat der (teils in der Antike liegenden, teils früh­modernen bzw. modernen) Vertrei­bung der Juden, Griechen und Armenier aus ihren ange­stammten Siedlungs­gebieten und ihre nach­folgende Verstreu­ung über die Welt bezeichnet hat, ist heute konzep­tionell auch auf andere Bevöl­kerungs­gruppen und Umstände anwendbar, etwa auf Migranten. Silverstone (2002) sieht Diaspora gar als eine "Spezial­form der Migration" (Silverstone 2002, S. 733), doch ist das Konzept keines­wegs auf typische Fälle der Arbeits- oder Flucht­migration beschränkt, wie sie beson­ders prominent in der einschlä­gigen Litera­tur behandelt werden (vgl. etwa Karim 2003). Im Kern des "Diaspora"-Begriffs stehen allgemein "expe­rien­ces of dis­place­ment" (Clifford 1994, S. 302) und die ent­sprechen­den Diskurse des "construct­ing homes away from home" (ebd.) – wobei die Facetten dieses "home" ja durch­aus oftmals frag­würdig sind, wie weiter oben bereits dar­gelegt worden ist. Clifford macht deutlich, dass diasporische Situa­tionen zwar nicht losgelöst von politischen, ökono­mischen und sozialen – letztlich: globali­sierten – Kon­texten analy­siert werden können, diese spezi­fischen Struk­turen in ihrer An­gebunden­heit an Formen der Macht­ausübung aber auch kritisch weiter gedacht müssen: "old and new diasporas offer resour­ces for emergent 'post­colonialisms'" (ebd.). Solche "post­kolonialis­tischen" Artiku­la­tionen von Diaspo­rismus erkunden Clifford zufolge beispielsweise "nonexclusive practices of community, politics, and cultural difference" (ebd.), d.h. Praktiken der disloka­tiven Existenz, die nicht auf essenzia­listisches "Othering" (s.o.), auf die Dicho­tomie von "Wir" und "Sie" gegründet sind. Diasporas als Minderheiten­gemein­schaften zeichnen sich im Kern dadurch aus, dass sie eine Erinnerung, eine Vision oder einen Mythos des Ursprungs­landes aufrecht­erhalten.

"These, then, are the main features of diaspora: a history of disper­sal, myths/memo­ries of the home­land, alienation in the host (bad host?) country, desire for eventual return, ongoing support of the home­land, and a collec­tive identity impor­tantly defined by this relation­ship" (Clifford 1994, S. 305).

Stuart Hall (1990) ergänzt diese Perspektive diaspo­rischer Situiert­heit durchaus passend um einen Identitäts­begriff, der auf Wandel­barkeit, Hetero­genität und Diversität basiert und den "hybriden" Charakter der diaspo­rischen Situation betont:

"The diaspora expe­rience (...) is defined, not by essence or puri­ty, but by the recog­nition of a necessary hetero­geneity and diversity; by a conception of 'identity' which lives with and through, not despite, difference; by hybridity. Diaspora identi­ties are those which are constantly produc­ing and reproduc­ing themselves anew, through trans­formation and difference" (Hall 1990, S. 235).

Vor diesem Hintergrund ist somit zu fragen: Inwieweit sind die deutsch­sprachigen Belgier eine Diaspora?

In gewisser Weise sind die deutsch­sprachigen Belgier eine Diaspora, die durch eine Grenz­verschiebung bzw. terri­toriale Abtretung (und somit nicht durch Migra­tion) entstanden ist. Ab 1920 fanden sich die Bewohner des Gebietes zwischen Eupen und Sankt Vith jedoch in einer Situation wieder, die einer Diaspora­population durchaus ähnelt: als sprachliche und kulturelle Minderheit, der längere Zeit der Status als (sprach­lich/kulturell) gleich­berechtigte Teil­population vorenthalten worden ist. Im Blick zurück auf das rhetorische Klischee der "letzten Belgier" (siehe den Anfang dieser Abhandlung) wird nochmals die Doppel­deutigkeit dieser Phrase deutlich, die sich sowohl auf den zeitlich-historischen Umstand bezieht, dass die Deutsch­sprachigen 1920 als letzte dem belgischen Staat zugeordnet worden waren, als auch auf diejenigen Belgier sich bezieht, die aus der in Belgien üblichen dichotomen identitären Zuordnung, entweder Flame oder Wallone zu sein, ausscheren: die Migranten aus Südeuropa, Afrika, dem Orient und von anderswo, die sich – frei von essenzia­listischen Selbst­verortungen auf Flanderns oder Walloniens Scholle – hartnäckig als (Gesamt-)Belgier sehen. Beide Arten, die "letzten Belgier" zu sein, eint eine Art der disloka­tiven Existenz, die auf "Othering" durch die übrigen Belgier beruht.
Eine schrift­liche Befragung der Brüsseler Lingu­istin Anneleen Vanden Boer verweist in diesem Zusammen­hang auf folgenden interessanten Befund: "Wenn auch ihre Grenz­kultur und Mehr­sprachig­keit sie [= Bewoh­ner der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft] offen­bar mit Stolz erfüllt, so werden jedoch noch mehr (frus­trierte) Reak­tionen zu ihrem 'Minder­wert' und ihrer Unbekannt­heit nieder­geschrie­ben" (Vanden Boer 2012b). Solche Reflexio­nen der eigenen kollek­tiven Schwellen­existenz – den Deutsch­sprachi­gen haftet das Attribut der quasi Zuge­wander­ten an – verweisen auf Diskurse über unge­klärte Identitäten und Zugehörig­keiten (vgl. Lie 2003 mit Rekurs u.a. auf Turner 1969), hinter denen im Kern eine gesell­schaft­liche Hierarchi­sierung, das heißt: eine Macht­frage steht. "(...) the logic of identity is, always and everywhere, entangled in the logic of hierarchy", wie es der Kultur­anthro­pologe David Graeber (2011, S. 111) im Zusammenhang ökono­mischer Beziehungen treffend formuliert hat. Ähnlich wie Migranten sind (oder wähnen sich) nicht wenige deutsch­sprachige Belgier auf Grund ihrer sprachlich-kulturellen Differenz und ihrer ungewöhnlichen "Migra­tions"- bzw. "Belgi­sierungs"-Geschichte offenbar recht weit unten auf der Hierarchie­skala "guter" belgischer Bürger. Sie verstehen sich insofern möglicher­weise auch in einem dritten Sinne teils als die "letzten" Belgier. Eine solche auch von Frustra­tionen geprägte kollektive Selbst­identi­fikation kann negative Effekte haben.

Au plus bas?

24.7.2012.  Fahrt nach Sankt Vith und durch den ländlich strukturierten Süden der Deutsch­sprachi­gen Gemein­schaft Belgiens. Es fällt dem Besucher auf, dass hier auf Autobahn- und Straßenschildern die teils als Ergän­zung zu den deutschen Orts­namen vorhandenen franzö­sischen Orts­bezeich­nungen ("Trier-Trèves", "Hünningen-Hunnange" usw.) oftmals übermalt sind. Dies erinnert etwa an den Sprachen­streit in Süd­tirol oder in bilingu­alen Gemeinden Öster­reichs. Die Identität als kleine Minder­heit im belgischen Gesamt­staat (wiewohl zugleich als fast ausschließ­liche Mehr­heit im eigenen Siedlungs­gebiet: Es gibt dort so gut wie keine franko­phonen Mutter­sprachler) erscheint im Süden des deutsch­sprachigen Gebietes fragil und selt­sam umkämpft. Die Bekun­dungen zur deutschen Sprache sind hier umso pronon­cierter. So hat etwa die Frei­willige Feuer­wehr Büllingen an ihrem Spritzenhaus neben der belgischen, der DG- und der Europa-Fahne auch die deutsche Flagge aufge­steckt (die Feuerwehr hier kooperiert allerdings auch intensiv mit ihren Kollegen in den nahen deutschen Gemeinden).

Buellingen OrtschildLinks: Das Ortsschild von Büllingen im Süden der DG. Die ergänzende französische Orts­bezeichnung "Bullange" ist übermalt.
Foto: Oliver Zöllner


Nirgends erscheint die DG "deutscher" (oder: kleiner und selbst­bezüg­licher) als hier in der West­eifel. Sankt Vith könnte auch jen­seits der deutschen Grenze liegen; bilinguale Hinweis­schilder finden sich praktisch nur im Umfeld des Kreis­kranken­hauses am Ortsrand. Die Ausgabe des Eupener "Grenz-Echos" vom Tage (85. Jahrgang, Nr. 170) teasert auf Seite 1, wenn auch nicht als Auf­macher, einen Artikel zum Namensstreit der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft an. Dem Zeitungs­beitrag zu Folge ist der Kelmiser Bürger­meister Mathieu Grosch in einer Rede anläss­lich des bel­gischen National­feier­tages am 21. Juli "auf die Diskussion um einen neuen Namen für die Deutschs­prachige Gemein­schaft einge­gangen. Er schlug 'Deutsch­sprachi­ges Ostbel­gien' vor. Daraus sei die Zugehö­rigkeit zur Nation Belgien gut zu erkennen."
Nicht zu diesem Artikel gehörig, Grenz-Echo aber unmittel­bar darunter findet sich das Bild zu einer typischen Lokal­zeitung-im-Sommer­loch-Geschichte ("Im Tierheim Eupen gestrandet"): ein Hund in einem Zwinger, hinter Gitter­stäben zu sehen, von außen betrachtet von einer männ­lichen Figur, von der wir nur den Hinterkopf und eine Schulter sehen. Der Artikel über das "Deutsch­sprachige Ostbel­gien" und das Bild des Mitleid erregenden Hundes hinter Gittern gehen eine vom Lay­outer sicherlich unbeab­sichtigte, dennoch umso illus­trati­vere Més­alliance ein.

Rechts: Ostenta­tive Bekun­dungen der natio­nalen Teil­habe: "Grosch: 'Deutsch­sprachiges Ost­belgien' als Name für DG / Zugehö­rigkeit zur Nation gut zu erkennen". Artikel im "Grenz-Echo" vom 24.7.2012, Seite 1.
Scan/Bearbeitung: Oliver Zöllner


Aus der raren sati­rischen Literatur zu Ostbelgien ließe sich ein vorsich­tiges Zwischen­fazit der bisherigen Recher­chen ziehen: "Ich beginne allmählich, mich in den deutsch­sprachigen Teil Bel­giens zu ver­lieben. Aber ohne Jackett friere ich irgend­wann mal" (Goldt 2004, S. 136).



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Article copyright © Oliver Zöllner 2012-16. First deposited: 18 March 2012. Last modified: 25 March 2016. This is a work in progress.


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